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Die Anfänge des modernen Kapitalismus : Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der K. Akademie der Wissenschaften am 15. März 1913
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jener Geldbesitzer gestammt haben, über welche kurze Zeit darauf Jesaia 1 )und Micha 2 * 4 ) Wehe rufen, weil sie Häuser und Äcker zusammenkaufen.

Aber trotz des Triumphgesangs, den Ezechiel die Stadt Tyrus überden Fall Jerusalems als einer Handelsrivalin anstimmen läßt der Triumphscheint sich nach dem Wortlaut 3 ) lediglich auf den Wegfall eines Stapel-rechts bezogen zu haben, das Jerusalem gegenüber den durch- und vorüber-ziehenden Kaufleuten in Anspruch genommen zu haben scheint war allder Handel, den die Juden vor dem Exil trieben, nicht geeignet, ihnenden Charakter eines Handelsvolks zu geben. Indes kommt es bei der Be-urteilung der Bedeutung der Juden in der Wirtschaftspolitik gar nicht aufdas an, was sie in Palästina getrieben haben. Wie Mommsen es ausdrückt 5 ):»Die Geschichte des jüdischen Landes ist so wenig die Geschichte des jü-dischen Volks, wie die Geschichte des Kirchenstaats die Geschichte der Ka-tholiken. »In Palästina bestand die große Masse der Juden aus kleinenBauern«, die im Schweiße ihres Angesichts ihre Felder pflügten, und ihrÖl preßten; 6 )« diejenigen, welche für die Wirtschaftsentwicklung bedeutungs-voll geworden sind, waren die aus ihrer Heimat gewaltsam Fortgeführten,die Juden in der Diaspora. Die erste dieser Wegführungen war die imJahre 722 v. Chr.; die Bewohner des östlichen Galiläa und die Stämme jen-seits des Jordans wurden in die assyrische Gefangenschaft geführt; sie sindes nicht, welche in der Entwicklung weiter eine Rolle gespielt haben; siehaben sich unter den Völkern aufgelöst, in deren Gebiet sie angesiedeltwaren; jedenfalls lassen sich ihre Spuren in der Geschichte nicht weiternachweisen. Anders, als von 597 v. Chr. an wiederholte Abführungen derBewohner Judas in die babylonische Gefangenschaft stattfanden. Das Er-eignis ist von folgenschwerer Bedeutung nicht nur für die Juden, sondernfür die Geschichte der gesamten Menschheit bis zum heutigen Tage ge-worden.?) Denn hier im Exil ging in der jüdischen Religion 8 ) die Um-wandlung vor, welche die Juden inmitten anderer Völker den höchsten

*) Jesaia 5, 8. 2 ) Micha 2, 1.

3 ) Ezechiel 26, 2: »Ha! sie ist zerschmettert; die Tür zu den Völkern hatsich mir zugewandt«. Vgl. Kautzsch, Die Heilige Schrift des Alten Testaments.

3. A. I. Tübingen 1909, S. 892, Anmerkung.

4 ) Wenn Ezechiel unter den Völkerschaften, welche mit Tyrus Handel ge-trieben haben, Juda auch ausdrücklich anführt, so handelt es sich bei dessen Handeldoch nur um den Verkauf seiner eigenen Erzeugnisse nach Tyrus . Ezechiel 27, 17.

5 ) Mommsen , Römische Geschichte V. 5. Auflage, S. 487'.

6 ) Mommsen a. a. O. S. 528. 7 ) Ebenda S. 487.

- . 8 J Vgl. J. Wellhausen, Israelische und jüdische Geschichte. 4. Auflage.

Berlin 1901. Eduard Meyer , Geschichte des Altertums III. Stuttgart 1901, S. 166 ff.