i86
jener Geldbesitzer gestammt haben, über welche kurze Zeit darauf Jesaia 1 )und Micha 2 * 4 ) Wehe rufen, weil sie Häuser und Äcker zusammenkaufen.
Aber trotz des Triumphgesangs, den Ezechiel die Stadt Tyrus überden Fall Jerusalems als einer Handelsrivalin anstimmen läßt —■ der Triumphscheint sich nach dem Wortlaut 3 ) lediglich auf den Wegfall eines Stapel-rechts bezogen zu haben, das Jerusalem gegenüber den durch- und vorüber-ziehenden Kaufleuten in Anspruch genommen zu haben scheint — war allder Handel, den die Juden vor dem Exil trieben, nicht geeignet, ihnenden Charakter eines Handelsvolks zu geben. Indes kommt es bei der Be-urteilung der Bedeutung der Juden in der Wirtschaftspolitik gar nicht aufdas an, was sie in Palästina getrieben haben. Wie Mommsen es ausdrückt 5 ):»Die Geschichte des jüdischen Landes ist so wenig die Geschichte des jü-dischen Volks, wie die Geschichte des Kirchenstaats die Geschichte der Ka-tholiken. »In Palästina bestand die große Masse der Juden aus kleinenBauern«, die im Schweiße ihres Angesichts ihre Felder pflügten, und ihrÖl preßten; 6 )« diejenigen, welche für die Wirtschaftsentwicklung bedeutungs-voll geworden sind, waren die aus ihrer Heimat gewaltsam Fortgeführten,die Juden in der Diaspora. Die erste dieser Wegführungen war die imJahre 722 v. Chr.; die Bewohner des östlichen Galiläa und die Stämme jen-seits des Jordans wurden in die assyrische Gefangenschaft geführt; sie sindes nicht, welche in der Entwicklung weiter eine Rolle gespielt haben; siehaben sich unter den Völkern aufgelöst, in deren Gebiet sie angesiedeltwaren; jedenfalls lassen sich ihre Spuren in der Geschichte nicht weiternachweisen. Anders, als von 597 v. Chr. an wiederholte Abführungen derBewohner Judas in die babylonische Gefangenschaft stattfanden. Das Er-eignis ist von folgenschwerer Bedeutung nicht nur für die Juden, sondernfür die Geschichte der gesamten Menschheit bis zum heutigen Tage ge-worden.?) Denn hier im Exil ging in der jüdischen Religion 8 ) die Um-wandlung vor, welche die Juden inmitten anderer Völker den höchsten
*) Jesaia 5, 8. 2 ) Micha 2, 1.
3 ) Ezechiel 26, 2: »Ha! sie ist zerschmettert; die Tür zu den Völkern hatsich mir zugewandt«. Vgl. Kautzsch, Die Heilige Schrift des Alten Testaments.
3. A. I. Tübingen 1909, S. 892, Anmerkung.
4 ) Wenn Ezechiel unter den Völkerschaften, welche mit Tyrus Handel ge-trieben haben, Juda auch ausdrücklich anführt, so handelt es sich bei dessen Handeldoch nur um den Verkauf seiner eigenen Erzeugnisse nach Tyrus . Ezechiel 27, 17.
5 ) Mommsen , Römische Geschichte V. 5. Auflage, S. 487'.
6 ) Mommsen a. a. O. S. 528. 7 ) Ebenda S. 487.
- . 8 J Vgl. J. Wellhausen, Israelische und jüdische Geschichte. 4. Auflage.
Berlin 1901. Eduard Meyer , Geschichte des Altertums III. Stuttgart 1901, S. 166 ff.