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Lichnowsky genügend in Rechnung gestellt, denn er sah allesnur durch seine Londoner Brille. Die Anklagen gegen dieHaltung des Amts sind zu haltlos, um darauf einzugehen.Nur möchte ich feststellen, dass der Fürst Lichnowsky übeTdie „wichtigsten Dingo“, soweit sie für seine. Mission vonBelang waren, nicht in Unkenntnis gelassen worden ist. Ichhabe im Gegenteil die Botschafter allgemein viel weitgehenderorientiert, als das früher der Brauch gewesen war. Meineeigenen Erfahrungen als Botschafter hatten mich hierzu ver-anlasst. Aber bei Lichnowsky bestand die Neigung, sich mehrauf seino eigenen Eindrücke und Urteile zu verlassen, als aufdie Mitteilungen und Weisungen der Zentralstelle. DieQuellen unserer Nachrichten mitzuteilen, hatte ich freilichnicht immer Anlass noch Befugnis. Hier lagen ganz bestimmteRücksichten vor, insbesondere die Sorge um die Kompro-mittierung unserer Quellen. Die Denkschrift dos Fürsten istdie beste Rechtfertigung für die in dieser Hinsicht geübteVorsicht.
abgesehen davon, dass es ungeschickt und unhöflich gewesenwäre, alle Einladungen abzulehnen.
Die Wut gewisser Herren über meiuo Londoner Erfolgeund über die Stellung, die ich mir in kurzer Zeit machenkonnte, war unbeschreiblich. Schikanöse Erlasse wurden er-sonnen, um mein Amt zu erschweren. Ich blieb in völliger Un-kenntnis der wichtigsten Dinge und wurde auf die Mitteilungbelangloser langweiliger Berichte beschränkt. GeheimeAgenten, Nachrichten über Dinge, die ich ohne Spionage unddie nötigen Fonds nicht erfahren konnte, waren mir niemalszugänglich, und erst in den letzten Tagen des Juli 1914 erfuhrich zufällig
Kriegsfall.
Mtantsminister a. I>. von Jagow:
Es ist nicht richtig, dass im Amt die Berichte, England werde unter allen Umstünden die Franzosen schützen, nichtGlauben gefunden hätten.
Fürst Fielinowsky:
Ich hatte bald nach meiner Ankunft die Ueberzeugung ge-wonnen, dass wir unter keinen Umständen einen englischenAngriff oder eine englische Unterstützung eines fremden An-griffs zu befürchten hatten, dass aber unter allen UmständenEngland die Franzosen schützen würde. Diese Ansicht habe ichin wiederholten Berichten und mit ausführlicher Begründungund grossem Nachdruck vertreten, ohne jedoch'Glauben zu fin-den, obwohl die .Ablehnung der Neutralitätsformel
Serbische Krise.
Staa l*iii in ist er a. 1>. von Jagow:
ln Konopischt (Besuch Seiner Majestät des Kaisers beimErzherzog Thronfolger) ist kein Plan einer aktiven Politikgegen Serbien festgclcgt. Erzherzog Franz Ferdinand warüberhaupt nicht der Befürworter einer zum Kriege führendenPolitik, für den er .vielfach gegolten hat. Während der Lon-doner Konferenz hat er zur Müssigung und Vermeidung desKrieges geraten.
Der „Optimismus“ des Fürsten Lichnowsky war wenigberechtigt, wie er sich inzwischen wohl selbst durch die Ent-hüllungen des Suchomlinow -Prozesses überzeugt haben wird.Auch das geheime russisch -englische Marincabkommen (vonwelchem ihm, wie ' gesagt,. Kenntnis gegeben war) hätteihn skeptischer stimmen können. Das vom Reichskanzler undUhterstaatssekretür geäusserte Misstrauen war leider sehr be-gründet. Wie stimmt damit die Behauptung überein, dass wir,auf die Berichterstattung des Grafen Pourtales fussend, „Russ-land werde sich unter keinen Umständen rühren“, nicht an dieMöglichkeit eines Krieges gedacht hätten? Graf Pourtales hatübrigens meines Erinnerns nie so berichtet.
Dass Oesterreich-Ungarn gegen die fortgesetzten, vonRussland (Herrn von Hartwig) geschürten Provokationen, diemit dem Attentat von Sarrajewo den Höhepunkt erreichten,oinschreiton wollte, mussten wir als berechtigt anerkennen.
Fürst Licluitnvsk.y:
Ob der Plan einer aktiven Politik gegen Serbien schon in\. Konopischt festgelegt wurde, kann ich nicht wissen. Da ichüber Wiener Absichten und Vorgänge nicht unterrichtet war,mass ich dem Ereignis keine weitgehende Bedeutung bei.
Herr von Betlimann Hollweg schien meinen Optimismusnicht zu teilen und beklagte sich über russische Rüstungen.Ich suchte ihn zu beruhigen und betonte namentlich, dass Russ-land gar keine Interesse daran habe, uns anzugreifen, und dassein solcher Angriff auch niemals die englisch -französischeUnterstützung finden würde, da beide Länder den Friedenwollten. Darauf ging ich zu Herrn Dr. Zimmermann, derHerrn von Jagow vertrat, und erfuhr von ihm, dass Russland im Begriff sei, 900 000 Mann neuer Truppen aufzustellen. Ausseinen Worten ging eine unverkennbare Missstimmung gegenRussland hervor, das uns überall im Wege sei.
Angesichts dieser Haltung, die, wie ich später erfuhr, aufBerichten des Grafen Pourtales fussten, dass Russland unterkeinen Umständen sich rühren würde, und die uns veran-lassten, den Grafen Berchthold zu möglichster Energie anzu-feueTn, erhoffte ich die Rettung von einer englischen Ver-mittlung,