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Erzberger gegen Helfferich / [mit Beiträgen von Fritz Zinnecke, ...]
Entstehung
Seite
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Ich vermag auch nach dieser Richtung hin gar keinen Unterschied zufinden Mischen den Parlamentariern, die schon Aufsichtsratsmitglieoer sind,wenn sie ins Parlament eintreten, und denen, die erst nach ihrem Eintrittins Parlament Aufsichtsratsmitglieder werden. Das ist doch ein«Frage, die eigentlich nur die Wähler angeht.

Ich will darauf hinweisen, daß im alten Reichstag der Abg. Basser-.mann nicht weniger als 13 Aufsichtsratsstellen auf sich vereinigte; wirhaben den Mg. Paasche mit 10 Stellen, Herrn v. Bayer mit vier Stellen.Wir haben auch den Abg. Stresemann , den wir hier gehört haben, nureiner ganzen Reihe von Posten usw. Und >ebenso ist es in der National-versammlung. Da würden ja alle diese Abgeordneten eigentlich etwas kom»oromiltiert sein durch die Idee, daß, wo Gewissenskonflikte möglich sind, sievermieden werden sollen. Die Gewissenskonflikte sind doch auch genau soda,, ob die Leute vorher im Erwerbsleben stehen und nachher Parlamen-tarier werden, als wenn sie vorher Parlamentarier sind und nachher imErwerbsleben sich betätigen. Ich vermöchte beim besten Willen einenUnterschied nicht zu erkennen.

Gewissenskonflikte lassen sich überhaupt uird davon muß man vorallen Dingen ausgehen gar nick)t vermeiden. Wer im Leben steht undwer namentlich auch selbst, sei es in Sl!adwerordn«tenversammlungen oderin Parlamenten, gewirkt hat, der wird sich ja täglich darüber klar, daßununterbrochen die Interessen der einzelnen Gruppen gegeneinander ge-richtet sind und daß eben alles darauf ankommt, schließlich die Bereinigungzu finden. Es ist auch gar nicht richtig, wenn man bei solchen Gelegen-heiten stets den Standpunkt vertritt, es muß jeder in erster Linie anden Staat, an das Ganze, an das Volk denken. Nein, es ist ganz praktischwenn zunächst einmal die Leute aus ihren Jnteressenkreisen, aus ihremGedankenkreise heraus ein« Frage zu lösen versuchen: andere, die auch ver-treten sind, aus den ihnen naheliegenden Anschauungen heraus. Jederbringt eben zunächst einmal seine Erfahrungen und Wünsche.vor. Danngehen natürlich die Interessen, auch die geistigen Strömungen gegeneinander.Das schadet nichts. Es ist nur notwendig, daß am Schlüsse jeder sich gegen-wärtig hält: dein« Interessen sind wert, vertreten zu werden: aber es gibtauch andere Interessen, suchen wir den Ausgleich.

Meine Herren! Diese Auffassung, daß man immer in erster Linie andas große Ganze denken müßte, gewissermaßen an den Staat als Rechts-verfönlichkeir, als wirtschaftliche, als politische Persönlichkeit ist entschieden,wenigstens für die Praxis nicht richtig. Sie beruht auf einer Anschauung,die sich namentlich feit den 70er Jahren mehr und mehr auch in dr Theoriegeltend gemacht hat: der Staat, das Volk über alles: es ist eine selbständigePersönlichkeit gegenüber dem einzelnen. Es macht sich aber neuerdingsich erinnere an Leopold v. Wies« «ine andere mehr individualistisch!«Strömung geltenh, und man kommt wieder etwas darauf zurück, daß derStaat doch nur ein gedachtes Wesen ist, das Volk auch, und daß das einzigereale Substrat die einzelnen Menschen sind. Der Staat, das Volk kannmcht glücklich sein, wenn nicht die einzelnen Menschen, die ihm angehören,glücklich sind.

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