fachte Erregung über Erzberger's „Schwerverdienerei" gewichen ist, wirSin dem Volke sich eine Reaktion einstellen und die Forderung erhobenwerden, Haß so etwas nicht wieder geschehen kann!
Die Angriffe, die der Angeklagte erhoben hat, sind - er hat dasselbst zugegeben — nicht in leidenschaftlicher Erregung gefallen. Dieersten Artikel vielleicht, das will ich ohne weiteres zugeben. Aber dannsind die Beleidigungen und Angriffe nachher mit kalter Berechnung inder Flugschrift wiederholt nnd, was noch -dazukommt, in pointierter,materialbeschwerter Form, als bewußte Verletzung vorgetragen. Ichwürde doch dem Angeklagten etwas Unmögliches unterstellen, wenn ichetwa, wie das für Be-leiidigungsvrozesse sonst die allgemeine Erfahrungist, annehmen wollte, er hätte in der Verhandlung den Vorwurf bisvielleicht auf ein einziges Detail abgeschwächt oder abschwächen wollen.Er hat diese Dinge alle hier vorgetragen, und er hat weder von demInhalt noch von der Form auch nnr das Mindeste zurückgenommen.
^ Kein Ideal — ei» Mensch!
Meine Herren! Auch ich habe keine Idealbilder hier zu zeichnen ge-sucht, ich hätte auch vergeblich nach den Motiven dafür gesucht. Aber,wogegen ich mich wende, ist diese überhebliche und moralische Entrüstung,die doch im großen und ganzen etwas Widerliches hat, wenn sie auchnicht neu ist. Muß ich erst daran erinnern, daß man einen Mann wieElemencean — welche Ironie — des Vcrrats an England bcschnldigthat, daß man Cl^menceau in den Strudel des Panamaskandals hinein-gezogen hat? Muß ich daran erinnern, daß der Kaiser im Jahre 1896in den Briefen an den Zaren Nikolaus, die kürzlich veröffentlichtworden sind, Bismarck des Verrats beschuldigt, von seiner „schamlosenArt" und seinem „niedrigen Charakter" spricht? Erzbergex ist keinBismarck, richtig. Aber das, was "hier gegen Erzbergcr vorgetragenwurde, ist gegen die Stärke dieser Beschuldigungen doch auch schließlichnur eine matte Limonade. Denn er wird doch „bloß" ein Geschäfts-pvlitiker und ein Lügner genannt.
Ich glaube nicht, meine Herren Richter, und ich will auch nichtglauben machen, daß mein Klient ans diesem Verfahren ohne jedenVorwurf hervorgehen kann. Kein Sterblicher könnte es, meine Herren,ich wage das zu behaupten, der einem solchen Verfahren über mehr alszehn Jahre seines Lebens unterworfen wird! Aber die Borwürfe, dieihn als Menschen nnd Politiker unmöglich machen sollen, sind nicht er-wiesen, sind zum großen Teil papicrne, blutleere Konstruktionen sx post,die Erzbergers Wesen völlig fremd sind. Nur wenn das ,MmI numsnis me älienum puto" leerer Schall ist, kann sich als Cato aufspielen. ' /
Was will das aber sagen gegen den Mut des Mannes, der wiederholtAnschlägen auf sein Leben ausgesetzt war nnd unbeirrt allen Stürmender Revolution trotzte, den Haß der Steuerwidcrwilligen auf sich nahmund jetzt den moralischen Entrttstungssturm derer über sich ergehenlassen muß, für die er den Bolschewismus abgewehrt hat? Jahrelanghaben Tausende diesen Mann gesucht. Er war der überlaufendste Ab-geordnete, wie der Zeuge Giesberts uns gesagt hat. Aus allenSchichten begegneten sich die Menschen im Suchen nach ihm, dem echten,unverbildeten Kinde des Volkes. Politische Gegner beugten sich vorder mächtigen Begabung dieses Mannes, der, man mag ihn'' heuteschmähen und seine unleugbaren Schwächen riesenhaft vergrößert sehen,doch wie eine Elementarkrast wirkt mit ihren Stärken, mit ihren
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