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Die Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse der Einzelsticker in der Nordostschweiz und Vorarlberg / von Alfred Swaine
Entstehung
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Was erstere anbetrifft, so ist sie im allgemeinenkein unbedingtes Erfordernis, um ein Gewerbe in derForm der Heimarbeit pflegen zu können, manche schwerzu erlernende Industrie wird ja so betrieben. Im vor-liegenden Fall zweifle ich aber, ob es der Hausindustrieohne Erfüllung dieser Bedingung gelungen wäre, auch nurannähernd so die Fabrik zu verdrängen, als sie es gethan.Man muss bedenken, dass sie einen Konkurrenzkampf mitden schon angelernten Fabrikstickern zu bestehen hatte,der dadurch noch verschärft wurde, dass der Einzelstickergerade im Anfang rasch verdienen musste, um vor allemseine Maschine bezahlen zu können. Würde man Monatebrauchen, um sich im Sticken so auszubilden, dass manseine Produkte auf dem Markte sehen lassen kann, dannwürde dies freilich die Entstehung der Hausindustrie nichtgänzlich verhindert haben, aber nie und nimmer hätte die-selbe innerhalb so kurzer Zeit solche Ausdehnung annehmenund den Charakter grosser Landstriche so völlig verändernkönnen. So aber, wo man innerhalb vier Wochen dieStickschule in Dornbirn hatte im Jahre 1892 Kurse vondreissigtägiger Dauer 1 die ganze Kunst so weit begriffenhat, dass man Massenartikel, an die keine grossen An-sprüche gestellt werden, schon leidlich verfertigen kann,da war natürlich der Boden für die schnelle Entwicklungder Heimarbeit sehr geebnet.

Was die Verwendung von Frauen und Kindern an-langt, muss freilich zugegeben werden, dass diese erst seitdem Fabrikgesetz zu einem Hauptgrund für die Verbreitungder Hausindustrie wurde. Aber auch schon zu Zeiten, wodie Fabriken ungehindert und beliebig lauge Kinder undFrauen beschäftigen konnten, war deren Heranziehung imHause des Stickers viel leichter und bequemer als in derFabrik. Wenn ihm in dieser seine Frau als Fädlerin half,so konnte sie entweder die täglichen Mahlzeiten nicht be-reiten , oder es mussten zu gewissen Stunden die Kinder,

1 Yergl. hierzu auch die Behauptung in No. 13, Jahrg. 1887 derStickerei-Industrie, dass die meisten Sticker nur eine vierwöchent-liche Lehrzeit durchgemacht hätten.