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Die Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse der Einzelsticker in der Nordostschweiz und Vorarlberg / von Alfred Swaine
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II. KAPITEL.

sofern solche da waren, für sie einspringen. Dies ist ineinem grossen Etablissement, das vielleicht noch eine Streckevon dem Wohnort des Arbeiters entfernt liegt, natürlich mitanderen Schwierigkeiten verbunden, als wenn im Hause desStickers die Frau für einige Stunden des Tages durch dieKinder ersetzt wird.

Ein fernerer, etwas allgemeinerer Grund, dem die grosseVerbreitung der Hausindustrie in der Maschinenstickerei zu-zuschreiben ist, ist der Hang des Volkes nach Unabhängig-keit , ein unwägbares Etwas von gar nicht unbedeutendemEinfluss h Der Arbeiter unserer Gegend hasst die Fabrik,deren Arbeitsordnung ihm als ein Zwang, als eine Be-schränkung seiner Freiheit erscheint, um so mehr, als er sehrhäufig durch eine lange Tradition mit der Heimarbeit ver-knüpft ist 1 2 . Das trifft nicht nur für die guten, das trifft, auchfür die schlechten Zeiten der letzten Jahre zu, wo der Fabrik-sticker, wenn man alles in Betracht zieht, besser daran warals der Heimarbeiter 3 . Dieser will essen, wenn es ihm beliebtund seine Arbeitszeit einrichten, wie es ihm gut dünkt, undnicht immer unter dem Gefühl eines äusseren Zwangs stehen.Dass ihm diese Freiheit oft teuer zu stehen kommt, dasnimmt er eben mit in den Kauf, er hungert, abererhungert auf eigene Faust innerhalb seiner vier Pfähle. Erhat das instinktive Gefühl, dass seiner ökonomischen Besse-rung in der Fabrik eine soziale Herabdrückung entspricht.

Rekapitulieren wir kurz unsere Ausführungen: AufSeite des Fabrikbesitzers waren es die Stockungen, die ver-loren gehende Selbständigkeit, vor allem das Fabrikgesetz,was ein Emporkommen der Hausindustrie begünstigte, aufSeiten des Heimarbeiters die leichte Möglichkeit des Erwerbsder Maschine, die leichte Erlernbarkeit, Verwendung von

1 Diese Beobachtung wurde auch anderwärts gemacht; vergl.I)r. E. Sax, die Hausindustrie in Thüringen. I. S. 52.

2 Dies gilt namentlich von vielen bäuerlichen Stickern, die vorEinführung der Maschinenstickerei durch Generationen hindurch in derhausindustriellen Weberei einen Nebenerwerb suchten und fanden.

3 Vergl. die übereinstimmende Ansicht des Fabrikinspektors Dr.Schüler, Quellenangabe No. 8, Jahrg. 88/89, S. 3.