GESCHICHTLICHE ENTWICKLUNG DER M ASCII INKNSTICKEREI. 31
Frau und Kind und Abneigung gegen das Fabrikleben.Wahrlich Gründe genug, die uns die merkwürdige Er-scheinung, dass die Fabrik von der Hausindustrie über-flügelt wurde, erklärlich machen.
Dieser Umwandlung war eine ähnliche, statistischleider von Anfang an nicht zu verfolgende innerhalb derFabrik selbst vorausgegangen. Ursprünglich eine Industriein grossen Betrieben — ich erinnere, dass 1856 Fabrikenmit über 100 Maschinen bestanden -- wurde die Maschinen-stickerei seit dem amerikanischen Bürgerkrieg mehr undmehr auch in kleineren Etablissements gepflegt. Freilichdie grossen Fabriken blieben bestehen, sie lösten sich nichtin die kleineren Betriebe auf, tvie dies später gegenüberder Hausindustrie geschah, aber die Vermehrung der Ma-schinen geschah zum grossen Teil doch nur durch neu er-richtete Fabriken, deren Maschinenzahl nicht über zwanzighinausging. Es sah eben jeder Kleinkapitalist, der die Be-denken der Grossfabrikanten aus Unkenntnis nicht teilte,die beste Anlage seines Kapitals in der Aufstellung vonStickmaschinen. Das Fabrikgesetz hat dieser EntwicklungEinhalt gethan, von 1880 — 1890 ist sich die Zahl der Ma-schinen, die in Fabriken mit 3—7 Stühlen aufgestellt sind,gleich geblieben. 1
Parallel mit der Entstehung der Kleinbetriebe und derHausindustrie und meiner Überzeugung nach durch dieseEntwicklung hervorgerufen vollzog' sich auch eine Umwand-lung in der Stellung der grösseren Fabrikanten, die wirschon kurz gestreift haben. Im Anfang hatte der Fabrikant— abgesehen von einigen wenigen, die direkt exportierten —vorwiegend das „Platzgeschäft“ betrieben, er hatte „auf eigeneMuster“ gestickt 2 , das heisst, er beherrschte die Fabrikation
1 Über ihr Verhältnis zur Gesamtzahl vergl. S. 22, Aitm. 1.
2 Dieses „Platzgeschäft“ hat Sombart Anlass zu dem Missver-ständnis gegeben, als bestände eine Art handwerksmässigen Betriebsin der Stickerei, der Kundenarbeit besorge; vergl. Quellenangabe 114.Das ist aber nicht der Pall, wenn es auch in ganz seltenen Fällen ein-mal Vorkommen dürfte, dass ein Sticker ein einzelnes Kleid und dergl.auf Bestellung für einen Privaten stickt.