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Die Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse der Einzelsticker in der Nordostschweiz und Vorarlberg / von Alfred Swaine
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VIII. KAPITEL.

irrig, indem der Minimallohn eine unverkennbare Tendenzzum Normallohne annahm. Die Kauileute gaben jetzt näm-lich nur noch Arbeit aus, wenn der Fergger neben jedemPosten kurzstichiger Muster auch unvorteilhafte Ware zudem Minimallohn übernahm. Den Schaden trug der Grob-sticker, der günstige Muster ja schon seiner Unfähigkeitwegen nie erhielt. Der Missstand steigerte sich mehr undmehr, denn die Musterverschlechterung machte immergrössere Fortschritte, teils hervorgerufen durch die geringeKaufkraft des letzten Konsumenten kann man doch bei-nahe- sagen, dass jede Magd gestickte Unterkleider trägtteils veranlasst durch die Kaufleute, die eben infolge desMinimallohns ein feines, vielstichiges Muster ganz unver-hältnismässig teurer bezahlen mussten als ein grobes. DasVerlangen nach Abhülfe förderte nach unendlichen Be-ratungen die sogenannte Musterklassifikation zu Tage, dasheisst die Abstufung der Muster nach dem Garnverbrauchund die Festsetzung eines dementsprechenden Preiszuschlags.Es zeigte sich hier, wo der Laie gar keine so grossenSchwierigkeiten vermutet, dass es fast unmöglich ist, eineinfaches, vollständig gerechtes und nicht leicht zu um-gehendes System zu finden. So wurden infolge eines Preis-ausschreibens, das man 1886 veranstaltete, wohl 20 Arbeiten,darunter aber keine einzige genügende geliefert. Indeskam die Frage nicht zur Ruhe. 1888 konnte endlich einediesbezügliche Vorlage in Kraft treten, aber auch nur unterdem Widerspruch eines Teils der Kaufleute, trotzdem, wieder vierte Jahresbericht des Centralverbands sagt, die Vor-züge der Vorlage in der Bescheidenheit der durch sie be-zweckten Preissteigerung lagen.

Die Höhe des Zuschlags, sowie die Gesichtspunkte,nach denen dieser Zuschlag erhoben wurde, haben sich imLauf der Zeit mehrmals geändert, ein Beweis für dieSchwierigkeit des Problems.

Treten wir einmal der Frage näher, ob der Minimal-lohn dem Arbeiter die Vorteile gebracht hat, die man vonihm erwartete. Man kann das ruhig verneinen. In denersten Jahren des Verbands, wo die Marktverhältnisse