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Die wirthschaftliche Krisis / von Wilhelm Oechelhaeuser
Entstehung
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fehlt dem Arbeiterstande die Berechtigung sicherlich nicht, seine In-teressen durch enges Aneinanderschliessen, durch gemeinsames Han-deln zu fördern, was der eigene Mangel an Einsicht und eine eng-herzige Gesetzgebung bisher verhindert hatten. Unsere Jetztzeit hates allerdings nicht um sie verdient, dass sie den Arbeitgebern sofeindlich entgegen treten. Denn heutzutage drängen sich in jedemCulturstaate, sogar in dem herzlosen England , in einem Jahrzehntmehr humanistische, dem Arheiterstand, dem Armen- und Kranken-wesen gewidmete Gesetze, mehr Akte privativer Wohlthätigkeit zu-sammen, als früher in Jahrhunderten. Allein es steckt eine tiefeWahrheit in dem Bibelspruch, dass die Sünden der Väter heimgesuchtwerden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Und somüssen wir denn leider hüssen für die Sünden der Vergangenheit,worin allerdings, Arbeitgeber wie Staat, die gerechten Anforderungendes Arbeiterstandes auf menschenwürdige Existenz nicht gebührendgewürdigt haben.

Neben einer solchen Resignation, welche den Arbeitgeber be-fähigt, die Bewegung mit weniger Bitterkeit und mehr Ruhe zu be-trachten, sollte ihn aber auch eine einfache Erörterung über diewirthschaftliche Tragweite dieser Bewegungen, über die uuabweis-lichen Grenzen, die ihnen durch Naturgesetze gesteckt sind, hinläng-lich beruhigen. Wir gehen dabei von der, durch die Geschichte er-wiesenen Unmöglichkeit aus, dass ein Tyrann oder eine tyrannischeGesellschaftsklasse, die aus Jahrtausende langer Gewöhnung, aus derNatur der Dinge und der Menschen hervorgegangener Grundgesetzeder wirthschaftlichen Ordnung, den Privatbesitz, die Freiheit Ubereigenes Vermögen und eigene Kräfte zu dispouiren, durch dauerndenZwang auf den Kopf stellen, dass z. B. durch einen Karl Marx schenUkas der Unternehmergewinn aus den Elementen des Werthes ge-strichen werden könne. In dieser Voraussetzung hat der natürlicheVerlauf der eingeleiteten Agitationen die letzten Ziele derselbenmögen noch so weit gesteckt sein wirklich nichts für die Zukunftder wirthschaftlichen Ordnung Beunruhigendes in sich. Es lassensich im Gegentheil Keime einer besseren Zukunft, einer harmonischerenAusgleichung der jetzt schrolf entgegenstehenden Interessen undLeidenschaften, in dieser Bewegung erkennen, wenn auch der Arbeit-geber manches von seinen Interessen, der Arbeitnehmer vieles vonseinen Illusionen opfern muss, um zu einem dauernden Frieden zugelangen. Denn worin kann, von allem theoretischen Aufputz ent-. kleidet, die Lösung der sogenannten socialen Frage allein liegen?