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nichtet. Dass die Arbeiter die in der günstigen Zeit gelegene, durchden Aufschwung nach dem Kriege eingeleitete, und durch die Spe-kulation verschärfte Nachfrage nach Arbeitskräften zur Erreichunghöherer Löhne benutzten, wozu ihnen die neugeschaffenen socialenOrganisationen die bequemste Handhabe boten, wer wollte es ihnenverdenken? Nahmen doch auch die Fabrikanten, die Kaufleute, dieGründer, die höchsten Preise, die sie erzielen konnten. Die Arbeiterwollten auch mitgeniessen, wo der Reichthum überall um sie herumaus dem Nichts emporzuschiessen schien, wo Spekulanten im Um-sehen zu Millionären wurden. Allein man wandelt nicht ungestraftunter Palmen. Das ungesunde spekulative Element in der Bewe-gung, welches mit fictiven Werthen rechnete, und die Konsumtionnicht dem wirklichen, sondern einem erträumten Reichthum anpasste,bewirkte allerdings eine so plötzliche Steigerung der Nachfrage nachArbeitern, dass diese in Stand gesetzt wurden, selbst die übertrie-bensten Forderungen, von denen sie sich bei gesunder Vernunft sagenmussten, dass sie nur momentan gewährt, nicht in normalen Ver-hältnissen festgehalten werden konnten, vorläufig durchzusetzen. Unddamit entstand unter der blendenden Hülle dauernder Besserungihrer Lage, eine plötzliche Aenderung in ihren ganzen socialen Ver-hältnissen. So plötzlichen Wechsel erträgt selbst der Gebildete sehrselten, ohne Schaden an seiner Thatkraft und Moral; bei ungebil-deten Personen wirkt er aber geradezu demoralisirend und reizt,statt zu Thatkraft und Sparsamkeit, zu Faulheit und Verschwendung.Jede Flasche Champagner, die der Arbeiter in dieser Zeit getrunkenhat, ist ein Giftbecher für ihn geworden. Eine neue Welt voll Illu-sionen hatte sich ihm plötzlich erschlossen, um bald darauf wiederzu versinken, und Arbeitsüberdruss, Unzufriedenheit, moralischen undphysischen Katzenjammer auf lange hin, vielleicht auf Lebenszeitzurückzulassen. Bei den Lehrlingen und jüngeren Arbeitern tratennaturgemäss diese demoralisirenden Einwirkungen am traurigstenhervor; eine ganze Arbeiter-Generation der Zukunft ist dadurch ver-dorben worden. Für jeden Menschen, in steigendem Maasse abermit der mangelnden Bildung, ist es ein Unglück, vorübergehend inglänzende Lagen zu gelangen, die sich nicht halten lassen. Es giebtAusnahmen hiervon, aber gewiss sind sie selten, kommen in derBeurtheilung des Ganzen nicht in Betracht. So bestimmt man be-haupten kann, dass sich die Organismen des wirtschaftlichen Lehens,die Grundsätze, nach denen sich seit Jahrtausenden die Werthe auf-bauten und vertheilten, nur langsam und allmählig in andere Bahnen