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leiten lassen, so kann auch die Besserung des Looses der Arbeitermit Naturnothwendigkeit nur eine allmählige, nicht eine plötzlichesein. Das Unabänderliche, das Natürliche ist aber auch, nach derweisen Harmonie der Schöpfung, stets für den Menschen das Beste.Der Arbeiterstand, so gross auch die Ungeduld der von Agitatorenaufgestachelten Einzelnen sein mag, kann nur allmählig seine höherenAnsprüche durchsetzen. Alle gewaltsamen Versuche bringen nurmomentane Erfolge, stören das Gleichgewicht im Gesammtorganismusund lassen die Folgen der Ueberstiirzung auf den Arbeiter selbst amSchwersten zurückfallen. Wo sind, fragten wir schon oben, dieHunderte von Millionen geblieben, welche in den letzten Jahren anArbeitslohn, weit Uber die gestiegenen Preise der Lebens-bedürfnisse hinaus gezahlt worden sind? Wie unendlich kleinist davon der Antheil, welcher sieh in den Sparkassen, in Haus- undMobilienkäufen, in erhöhten Ausgaben für die Heranbildung derKinder, kurz in reeller Vermögensvermehrung und Bildungssteigerungauffinden lassen wird? Wie gewonnen, so zerronnen. Dies ist keinepoetische Floskel, sondern eine wirthschaftliche Wahrheit von grössterpraktischer Tragweite. Je mühsamer erworben, je besser wird dasGeld benutzt, und umgekehrt.
Betrachtet man es aber auch als eine zu schwere Aufgabe, dassdie Arbeiter sich selbst in ihren Forderungen auf ein vernünftigeresMaass hätten beschränken sollen, so handelten sie geradezu wider-sinnig, indem sie, gleichzeitig mit dem Eintritt der höheren Löhne,weniger und schlechter arbeiteten. Sie zogen sich also gleich-sam den Stützpunkt für die Ansprüche auf höheren Lohn, und dieMöglichkeit dessen dauernden Fortbezugs, selbst unter den Füssen weg. Durch Terrorismus erzwang dabei oft eine entschlossene Min-derzahl ein, von allen besonnenen Arbeiter-Elementen missbilligtesVorgehen, dessen äusserste Verkehrtheit in der Forderung „gleichenLohnes für Alle“, also in der Ablösung des Lohns von dem Werth dergeleisteten Arbeit gipfelte. Auch dies ertrug die aufsteigende Periodein ihrem ersten Anlauf noch, um aber den Umschlag desto rascherherbeizuführen. Wenn früher die Nachfrage in einem Gewerbe stieg,wurde die Arbeitszeit verlängert, das Arbeitsquantum absolut undund relativ, d. h. im Verhältniss zur Arbeiterzahl, vergrössert. Da-durch folgt die Production rascher der vorangeeilten Nachfrage; diePreise blieben in vernünftigeren Schranken und das wirthschaftlicheGleichgewicht stellte sich rascher wieder her. In der letzten Krisisgestalteten sich dagegen, aus Anlass der socialen Agitationen, die