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ist unrettbar zum grösseren oder geringeren Theil vernichtet.Insofern sind also die eignen Schutzzölle noch schädlicherals die fremden; diese treffen zudem nur die Ausfuhren nachbestimmten Ländern; unsere Schutzzölle dagegen dieEinfuhren von allen Ländern.
Jene Trug-Trilogie verknüpft und durchsetzt sich dann wiederzu den verschiedenartigsten Combinationen, die, je nach Bedürfniss,in den Kampf geschickt werden. „Reziprozität“ heisst z. B. jetztdie Parole, deren Konsequenzen bald alle Staaten wieder dem Pro-hibitivsystem Zufuhren würden. Die Schutzzölle des Auslandes schaden,wie schon anerkannt, unserer wirthschaftlichen Entwickelung, hindernunsern Export. Allein wenn die Schutzzölle mit Naturnothwendig-keit die Produktion vertbeuern, da Preissteigerungen ihr Zweck sind,so schadet sich doch zunächst • das protektionistische Ausland selbst,und vermindert seine Exportfähigkeit zu uns. Das gleiche würdenalso auch wir thun, wenn wir unsere Zölle erhöhten. Wir würdenuns den Schaden, den uns das Ausland zugefügt, durch die eigenenMaassregeln zum zweitenmal zufügen, also verdoppeln. Es liegtnicht in unserer Hand, genau demjenigen Gewerbszweig, demdie Zollpolitik des Auslandes Schaden zugefügt hat, durch diesseitigeMaassregeln Ersatz zu schaffen. Allein soweit der Nachtheil schutz-zöllnerischer Maassregeln des Auslandes für unser eigenes wirth-scliaftliches Lehen im Grossen und Ganzen paralysirt werden kann,ist dies nur durch weitere Herabsetzung unserer eigenen Zölle,also Verminderung unserer allgemeinen Produktionskosten, und damitVerstärkung unserer Exportfähigkeit, möglich. Die Reziprozitäts-Theorie ist also eine contradictio in adjecto; genau zum Gegentheilführt die wirthschaftliche Arithmetik. Antworten wir jeder Schutz-zollerhöhung des Auslandes, insofern sie sich nicht durch Handels-verträge abwenden lässt, mit weiterer Herabsetzung unserer eigenenSchutzzölle, — das ist die einzige logische und praktische Antwort.
Es ist übrigens nicht zu verkennen, wie selbst aus den Schutz-zolldistrikten sich auch höchst gemässigte, das Interesse des Allge-meinen gegen ihr Privatinteresse abwägende Stimmen vernehmenlassen, so z. B. noch kürzlich in dem von verschiedenen Blätternveröffentlichten Handelskammerbericht von Siegen, einem unsererältesten und wichtigsten Eisendistrikte. Und wenn für die, durch diestattgehabte Ueberproduktion unzweifelhaft am stärksten bedrückteEisenindustrie, der Termin der völligen Aufhebung aller Zölle auchwirklich noch um ein oder zwei Jahre Uber 1876 hinaus verlängert
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