Vorrede.
Sie sind weitläuftiger geworden, als wir anfangsglaubten, und wir können daher nur noch mit
wenigen
Grundsätze, so wenig für mehrere Sprüchen, als fürmehrere Mundarten einer und eben derselben Sprache.Wer so etwas behaupten kann, siehet nicht, was für Un-gereimtheiten daraus folgen. Z. B. Gabe es solche all-gemeine Regeln und Mundsätze, so könnte unter allenSprachen in der Welt nur eine, und unter allen ihrenMundarten nur eine, die einige wahre und richtige seyn,alle übrige Mundarten und Sprachen müßten irrig undfehlerhaft seyn. Was sind Grundsätze und Regeln an-ders, als bemerkte Analogien? Unter hundert Fällen,welche nach Analogien bestimmt werden müssen, sind im-mer wenigstens fünf und neunzig, wo zwey, drey undmehr Analogien Statt finden. Ein Volk, ein Stamm,befolgt diese, ein anderer eine andere, und anS diesen ver-schiedenen befolgten Analogien entstehen verschiedeneSprachen und Mundarten. Jede dieser, verschiedenenund oft einander entgegen gesetzten Analogien ist in ihrerArt gut und richtig.
5. Was also in jeder Sprache, und in jeder Mundartgut und richtig ist, läßt sich weder aus allgemeinen Grund-sätzen, noch aus andern Sprachen und Mundarten be-stimmen, sondern muß auS dem Sprachgebrauche jederMundart entschieden werden, weil nur der die Analogiebestimmt, welcher ich folgen muß, oder vielmehr, mir zei-get, welche Art von Analogie von meinem Volke in je-dem Falle am lebhaftesten empfunden worden. Die Ana-logie muß ihm also schlechterdings untergeordnet seyn,noch mehr die Etymologie, welche außer der nächste» Ab-stammung wenig mehr in Betrachtung kommen kann.
6. Was also gut und richtig Hochdeutsch ist, kann sowenig aus allgemeinen Grundsätzen, als aus den befolg-ten Analogien einer andern Mundart bestimmt werden,weil sonst aller Unterschied unter Sprachen und Mund-arten aufhören müßte; sondern allein ans dem Hochdeut-fchen Sxrachgcbrauche, d. i, aus dem Sprachgebrauche
der