2. Kap. Ursprung der Sprache. §.77. 237
§. 77. Manglaube-ja nicht, daß dasjenige, was Anwendungbisher von dem Baus der Wörter gesagt worden, dieser Lehrehöchstens nur von der Deutschen Sprache gelte; es «uf anderegilt von allen bekannten Sprachen, weil sie alle nach Sprachen,einerley Naturgesetzen erfunden und ausgebildet wor-den; am meisten aber von solchen, welche sich seitihrem Ursprünge von groben Vermischungen mitandern frey erhalten haben, dergleichen die Deutschemit ihren nördlichen Schwestern, und vielleicht auchdie Slavonische ist. Bey den heutigen westlichenEuropaischen Sprachen würde es vielleicht schwererfallen, sie nach so einfachen Grundsätzen in ihre Be-standtheile aufzulösen, weil sie durch mehrere Ver-mischungen gegangen sind, und dadurch alle ihreEigenthümlichkeit verloren haben. Die DeutscheSprache erleichtert diese Auflösung dadurch gar sehr,daß die Wurzelsylbe jedes Wortes allemuhl denvölligen Ton hat, ein wichtiger Beweis ihrer Ur-sprünglichkeit und Reinigkeit, der sich zur Zeit nochan keiner andern Sprache hat bemerken lassen, dieverwandten nördlichen Mundarten etwa ausge-nommen.
Wie groß der Nutzen dieser Auflösung der Wör.ter in ihre spatern und zufälligen und ursprüngli-chen und wesentlichen Theile für die Etymologie ist,darf wohl nicht erst gezeiget werden, indem sie,wenn sie anders eine wahre Wissenschaft seyn soll,ganz darauf beruhet. Man ist in Ableitung derWörter in allen Sprachen bisher bloß darum so un-glücklich gewesen, weil man dieses Hülfsmittel ver-säumt hat, und daher so oft in Versuchung gerathenist, den Wurzelbegriff eines Wortes in einer zufal-ligen Ableitungssylbe zu suchen, welches in der La-teinischen und Griechischen Sprache, welche die Ab-leitungssylben an einem und eben demselben Wur.
zelworte