ZO6 I.TH. 2.Abschn. 2.Kap. Substantiv.
zu gelangen. Allein, wenn man sich an dasjenige,was in dem zweyten Kapitel von dem Ursprüngeder Sprache gesagt worden, erinnert, so höret dieVerwunderung aus, und was hier Scharfsinn undmetaphysische Weisheit scheinet, wird ein sehr ein-leuchtender Beweis der Eingeschra'nktheit und Kind«heit des menschlichen Verstandes. Wir könnenuns ein Ding nicht mit allen seinen Eigenschaftenund Bestimmungen auf einmahl klar und deutlichdenken, sondern müssen jede Bestimmung einzelnbetrachten und ausdrucken. Diese Unvollkommen-heit ist einmahl so tief in unsere Seele verwebt, daßauch der große Geist eines Newton hier keinenandern Weg gehen kann, als der rohe Verstand desthierischen Hottentotten. Dem ungebildeten Na-turmenschen ist alles belebt, jede Erscheinung, jedeVeränderung in der Körperwelt ist ihm das Werkeines lebendigen Wesens, welches so denkt und han-delt, wie er, oder wohl gar ein solches Wesen selbst.Daher rühret denn nicht allein die Vielgötterey beyrohen unwissenden Völkern, sondern auch, was zu-nächst die Sprache betrifft, die Bestimmung jedesselbständigen Dinges nach dem Geschlechte, und dieBetrachtung alles dessen, was unselbständig ist, alsetwas selbständiges. In der Folge hat man nunzwar hiervon den besten nur möglichen Gebrauchgemacht, und sich, vermittelst solcher Substantiven,von dem Sinnlichen zu dem Allgemeinen undUn-körperlichen zu erheben gewußt, und daher die Anzahlsolcher abstracten Hauptwörter ansehnlich vermehret,wie man sie denn noch jeht, so wie ein Volk in dergelehrten Erkenntniß wächset, zu vermehren sucht;allein die ganze Vorstellungsart ist doch immer einBeweis der Eingeschränktheit unsers Verstandes,und ihr Ursprung ein Merkmahl seiner großen Kind-heit