Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1782)
Entstehung
Seite
312
Einzelbild herunterladen
 

zi2 i.TH. 2.Abschn. 2.Kap. Substantiv.

Esse, Ameise, Amme, Bahre, Vase, Beere,Bitte, Biene, Bude u. s. f. daö weibliche Ge-schlecht anzudeuten, da keine gleich lautende männ-liche Wörter vorhanden sind, mit welchen man siehätte verwechseln können. Hierzu kommt noch, daßman im Oberdeutschen, wo die Härte der Ausspra-che durch Cultur noch nicht vermindert ist, alle dieseweiblichen Wörter, wenigstens in vielen Gegenden,einsylbig spricht, ohne dadurch in Gefahr zu gera-then, ihr Geschlecht zu verkennen.

Dieses mildernde e ist indessen nur noch ineinigen Wörtern angenommen, und bey weitemnicht allgemein; allein dieses rühret daher, weildie Verfeinerung einer Sprache nur nach und nach,nach dunkel empfundenen Grundsätzen, geschiehet,und mit dem Wachsthum einer Nation in Ge-schmack und Sitten in gleichen Schritten gehet.Es ist jedes Sprachlehrers Pflicht, diesen Gang derSprache und ihrer Cultur zu studiren, und der Spra-che da nachzuhelfen , wohin sie sich zu neigen schei-net, das heißt, in zweifelhaft scheinenden Fällen,wenn die alte Form nebst der neuern verfeinertennoch zugleich üblich ist, allemahl für die letzte zuentscheiden. Allein zum Unglücke kehren es unsereSprachlehrer gerade um; sie kennen weder dieSprache, noch den Gang ihrer Cultur, suchen da ein-zureissen, wo sie fortbauen sollten, und schreiben ihrdagegen selbst erdachte Verbesserungen vor, welche inihren Bau gar nicht passen. Gottsched war hart-hörig genug, alle diese Substantive mit dem mil-dernden e zu verdammen und die harte OberdeutscheForm vorzuziehen, daher er sie auch bey keiner sei-ner Declinationen bemerkte, ungeachtet sie eigent-lich zu seiner vierten gehören, wohin er aber bloßdie Substantive auf el und er rechnet.

Einen