Von dem Pronommc. §.341. 6gz
Zeiten, da äußerer Pomp und iurus aufzukeimeilansingen, und doch der Geschmack dabey roh undungebildet blieb, fing man an, die Personen in der'Anrede nach ihrem Stande zu unterscheiden, und dadie Sprache darauf nicht vorbereitet war, so erzeugtedieser Einfall lauter Abweichungen und grammati-sche Widersprüche, die der geringste Grad des gu.ten Geschmackes in der Geburt ersticket haben wür-de, die aber bey der nachfolgenden Verfeinerung derSitten und Sprache vermehret wurden, weil sie ein.mahl ein Glaubens-Artikel in dem Ceremoniel undder gesellschaftlichen Höflichkeit geworden waren.Der Unfug fing in dem mittlern steine an, wardin der Französischen Sprache beybehalten, und inder Deutschen auf das höchste getrieben.
Der erste Anfang bestand darin, daß man re-gierende Herren in der zweyten vielfachen Person,folglich mit ihr anredete, welcher Gebrauch anfang-lich daher gerühret zu haben scheinet, weil man indem regierenden Herren zugleich seinen Hof mit zusehen und arnureden glaubte. Bald sing man an,anstatt die Perfon gerade zu anzureden, die Anredean ihre Würde zu ricbtcn, und so entstanden denndie abstracten Ehrennahmen, welciM man dasPos-sesswe Pronomen der zweyten mehrfachen Personvorsetzte, weil man an diese Mehrheit bereits ge-wöhnt war: Vesli'g ^I^ellö«, Velirg Dniniuucio,teuere Majestät; welche Form sich noch jetzt er-halten hat. So weit ging man in dem mittlernlateine, in dem Französischen und in einigen andernneuern Sprachen.
Allein im Deutschen ging die übel verstandeneHöflichkeit, vermuthlich nach dem Vorgänge derItaliänischen Sprache, noch ein Paar Schritte wei-ter.