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Wahrer und Phantasie-Kaffee.
Von Dr. I. A. Schilling.
(Schluß.)
Betrachten wir nun die berühmtesten unter den zur Mode gewordenen und täglichkenützten Kaffee-Surrogate. Zu den ältesten Kaffee-Surrogaten gehören unstreitig dieEicheln, die Früchte von kuovauo rodur, dann der Roggen und dieC i ch o r i e n w u r z. Die Eicheln wurden nach Herodot schon von den alten Arca-dicrn verspeist und Marx hat sie zuerst als Kaffee-Surrogat benützt und angepriesen.Sie enthalten Stärkmehl, Gerbsäure, Zucker, Phosphorsauren Kalk, Kali, Spuren von Kiesel-säure und Eisenoxyd, etwas ätherisches Oel und Wasser. — Das durch das Rösten derEicheln sich bildende brenzliche Oel und die Gerbsäure sind die hauptsächlichsten wirksamenBestandtheile des Eichelkafsce's, der bei Durchkälten der Kinder, Scropheln, immer nochseine Anwendung in der Volkskinderstube findet. Auch die bei uns allenthalben wild-wachsende blaublühende Cichorie, dieser Urtypus der Kaffee-Surrogate — denn vor30—40 Jahren hörte man beim Volke nur den Schmäheausdruck Cichorie n brühe,um damit schlechte Kaffee's zu brandmarken, — war schon den Alten bekannt und wirdvon Birgil, Horaz, Plinius , Halsn, und in den Schriften der Araber erwähnt. Um dieMitte des vorigen Jahrhunderts wurde diese rübenförmige Wurzel von OHwrimn in-t)'l)u^, als Kaffceersatz von Holland aus eingeführt und bis zum Jahre 1801 war dieZubereitung dieses Surrogats Geheimniß geblieben. Par »rentier theilte 1806 zu-erst das Verfahren, Cichorienkaffee zu bereiten, mit. Es ist gut, daß dieser Ehrenmannheute nicht mehr lebt, um gesteinigt zu werden. In den Jahren 1850—1860 bestes sichdie Consumtion der .Cichorie auf sechs Millionen Kilogramm. Im Jahre 1845 führteman in England 4>/,, Mill. Pfund ein, in Frankreich braucht man jährlich 12 und indem kleinen Fabrikstaate Belgien sogar 20 Millionen Pfund.
Die wirksamen Bestandtheile in der gerösteten Cichorie sind das brandige, flüchtigeOel und der bittere Stoff. In mäßiger Menge und mit gute m Kaffee gemischt ist sieder Gesundheit wahrscheinlich! nicht schädlich. Ein häufiger und stärkerer fort-gesetzter Genuß aber, — wie zumal dies bei der Armuth üblich ist, — schadet sehr be-deutend dein Wohlbefinden, und das dadurch entstandene Siechthum erbt sich oft fort aufKinder und Kindeskinder. Andere Aerzte behaupten, daß die Cichorie immerwirklich schädlich sei; — während die übrigen Kaffee-Surrogate nur unter ge-wissen Bedingungen die Gesundheit beeinträchtigen. Deutsch z. B. in seiner Abhand-lung über die nachteiligen Wirkungen der e m p y r e n m a t i s ch e n S t o f f e, C a n-statt in seinen Jahresberichten lassen sich darüber sehr strenge aus, indem sie Sodbrennen,Magenkrämpfe, Schwindel, Einschlafen der Glieder, ja sogar den schwarzen Staar davonherleiten und lassen sich besonders derlei nachteilige Folgen bei alten Cichoriekaffeebasen,die manchmal geradezu in solchen Getränken schwelgen, nicht selten beobachten.
Es ist wahr, daß eine kleine Menge gerösteter Cichorie dem Wasser eine ebensodunkle Färbung gibt als ein guter Theil Kaffee. Ursprünglich wurde sie deshalb in denöffentlichen Kaffeehäusern nur des Gewinnstes der Ersparniß halber, — um einen gut-braunen Kaffee nachzuahmen, eingeführt, weil sie den» Getränke Farbe und Geschmackverlieh. Allmählig gewöhnte sich aber der Geschmack des Publikums an die betrügerischeMischung, manchem Gaumen mundete sie gut und endlich fanden sich zahlreiche Liebhaberan dunklem, bitteren Kaffee. Auf diese Weise wurde sogar die Bereitung des echtenKaffee's von ehrlichen Leuten verschlechtert, indem man um dunkle Farbe zu erzielen, dieKaffeebohnen allzu dunkel röstete, wodurch sowohl die Nahrhaftigkeit wie das Aroma desKaffee's vermindert werden. — Im Ganzen und Allgemeinen ist der Cichorienkaffee einebenso verwerfliches Surrogat wie die übrigen, und dazu kommt noch, daß man selbstdieses schlechte und wohlfeile Fabrikat gar oft nicht einmal rein und unverfälscht auf den»Markthandel antrifft, indem noch andere Surrogate oder Ziegelmehl, Ocker, Erde, Torf-pulver zugemischt werden.