Ilnti.Mrischcr Briefe fünfter.
Zch habe blos gemißbilligct, daß Caylus in cincm solchen Ge-mählde der Helena noch ihren Schlcycr lassen, und uns ihreganze Schönheit einzig und allein in den Wirkungen auf diesie betrachtenden Greise zeigen will. Za auch so hab ich nichtgeleugnet, daß ein guter Meister noch immer ein schätzbaresStück daraus machen könne. Ich habe nur behauptet, daß die-ses Stück nicht der Triumph der Schönheit seyn würde, so wieihn Zcuris in der Stelle des Homers erkannte. Zch habe nurbehauptet, daß dieses Stück sich gegen das Gemählde des Zcu-ris, wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten würde;weil wir dort erst aus Zeichen errathen müßten, was wir hierunmittelbar fühlen. Zch habe nur durch dieses Beyspiel zeigenwollen, welcher Unterschied es sey, in dem Geiste des Homers mahlen, und den Homer mahlen. Der Artist des Caylus hätteden Homer gemahlt: aber Zeuxis mahlte in dem Geiste desHomer. Zencr wäre knechtisch innerhalb den Schranken geblie-ben, welche dem Dichter das Wesen seiner Kunst hier setzet:anstatt daß Zeuxis diese Schranken nicht für seine Schrankenerkannte, und indem er den höchsten Ausdruck der Dichtkunstnicht blos nachahmte, sondern in den höchsten Ausdruck seinerKunst verwandelte, eben durch diese Verwandlung in dem hö-hern Verstände Homerisch ward. — Habe ich daran Recht,oder Unrecht? Es entscheide wer da will: aber er verstehe michnur erst. Zch will nichts ausscrordcntlichcs gesagt haben: aberer lasse mich nur auch nichts abgeschmacktes sagen.— Dochweiter. —
Es ist nicht wahr, daß ich diese Episode einen ekeln Gegen-stand genannt habe. Nicht diese Episode, sondern die Art desAusdruckes, mit der Caylus sie gemahlt wissen wollen, habe ichcckcl genannt. Caylus will, daß sich der Artist bestreben soll,uns den Triumph der Schönheit in den gierigen Blicken undin allen den Aeusserungen einer staunenden Bewunderung aufden Gesichtern der kalten Greise, empfinden zu lassen. Hicrwi-dcr, nicht wider den Homer, habe ich gesagt, daß ein gierigerBlick auch das ehrwürdigste Gesicht lächerlich mache, und ein
°) Der vierte und der fünfte Brief bis hichcr in der Hamb. neuen Zei-tung, 113. St., 27.Zulii 17V8, das Folgende im 120. Stück vom 30. Jnlii,