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Antiqii.irischcr Briefe fünfter.
Grcis, der jugendliche Begierden verrathe, so gar ein ccklcr Ge-genstand sey. Ist cr das nicht? Ich denke noch, daß er esist; Herr Klotz mag mir von einer Siisanna des Rubensschwatzen, was cr will, die weder ich noch cr gesehen haben.Aber ich habe mehr Susannen gesehen; auch selbst eine vomRubens, in der Gallerte zu Sans-Sonn; und selten habe ichmich enthalten können, bey Erblickung der verliebten Greise, beymir auszurufen: o über die alten Böcke! Was war dieserAusruf, als Eckel? Ich weiß es, die Kunst kann diesen Eckclmindern; sie kann durch Nebcnschönhcitcn ihn fast umncrklichmachen: aber ist ein Ingredienz deswegen gar nicht in einerMischung, weil es nicht vorschmeckt? Nicht die dürren Beine,nicht der kahle Kopf, nicht das eingefallene Gesicht machen denverliebten Alten zu einem eckeln Gegenstände; sondern die Liebeselbst. Man gebe ihm alle Schönheiten, die mit seinem Alterbestehen können; aber man mahle ihn verliebt, man lasse ihnjugendliche Begierden verrathen, und cr ist eckcl, Trotz jcncnSchönheiten allen.
/ Das sage ich von den Trojanischen Greisen des Caylus:aber wo habe ich es von den Greifen des Homer gesagt? Wohabe ich diesen, jugendliche Begierden aufgedrungen? — Unddas ist die dritte Unwahrheit, welche Herr Klotz sich auf meineRechnung erlaubt. Vielmehr habe ich ausdrücklich gesagt (°)„den Homerischen Greisen ist dieser Vorwurf (nehmlich des Lä-cherlichen und Eckclhaftcn) nicht zu machen; denn der Affekt,den sie empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weis-heit sogleich erstickt; nur bestimmt der Helena Ehre zu machen,aber nicht sie selbst zu schänden."
Nun sagen Sie mir, mein Freund, was ich von demHerrn Klotz denken soll? was cr darunter suchen mag, daßihm gerade mein Name gut genug ist, unter demselben sich ei-nen Strohmann auszustellen, an dem cr seine Fcchtcrstrcichczeigen könne? warum gerade ich der Blödsinnige seyn muß,dem er Dinge vordocirct, die das Auge von selbst lernet, diezu begreifen schlechterdings nicht mehr Menschenverstand crfodcrt
(°) Laokoo» S. 221. lBand Vl, S> 502-1