Antiquarischer Briefe neunter.
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den Ruhm der Alten mehr auf Einsicht, als auf Dankbarkeitgründen möchte! Die Dankbarkeit ist eine schöne Tugend, aberohn ein feines Gefühl dringt sie dem Wohlthäter oft Dingeauf, die er nicht haben mag, und wobey er sich besser befindet,sie nicht zu haben, als zu haben. Meinem Bedünkcu nach, istdie Dankbarkeit des Herr Klotz gänzlich in diesem Falle. Dochdavon an einem andern Orte. Ztzt lassen Sie uns sehen, wasHerr Klotz von der Pcrspckliv überhaupt weiß, und mit wel-chen ihm eigenen Gründen, er sie den Alten zusprechen zumüßen glaubt.
Herr Klotz erkläret die Pcrspektiv, in so fern sie in demKünstler ist, durch „die Geschicklichkeit, (*) die Gegenstände auf„einer Oberfläche so vorzustellen, wie sie sich unserm Auge in„einem gewissen Abstände zeigen." Diese Erklärung ist vonWort zu Wort aus dem deutschen Pcrnety abgeschrieben, wel-ches das abgeschmackte Oberfläche beweiset. Fläche ist für dieMahlerey Fläche, sie mag oben, oder unten, oder auf derSeite seyn.
Doch abgeschrieben, oder nicht abgeschrieben: wenn sie nurrichtig ist. — Richtig ist die Erklärung allerdings; aber dabeyviel zu weitläuftig, als daß sie bey Entscheidung der vorhaben-den Streitsache im geringsten zu brauchen sey.
Demi ist die Pcrspektiv weiter nichts als die Wissenschaft,Gegenstände auf einer Fläche so vorzustellen, wie sie sich in ei-nem gewissen Abstände unserm Auge zeigen: so ist die Pcrspek-tiv kein Theil der Zcichcnkunst, sondern die Zcichenkunst selbst.Was thut die Zcichenkunst anders, was thut sie im geringstenmehr, als was nach dicscr Erklärung dic Pcrspektiv thut? Auchsie stellt die Gegenstände auf einer Fläche vor; auch sie stelltsie vor, nicht wie sie sind, sondern wie sie dem Auge erscheinen,und ihm in einem gewissen Abstände erscheinen. Folglich kannsie nie ohne Perspcktiv scyn, und das geringste was der Zeich-ner vorstellt, kann cr nicht anders als perspektivisch vorstellen.
Den Alten in diesem Verstände die Pcrspektiv absprechen,würde wahrer Unsinn seyn. Denn es würde ihnen nicht dic
(°) Bcmrag zur Gcsch. der Kunst aus Münzen S. 478.