Antiquarischer Briefe neunter.
Pcrspcktiv, sondern die ganze Zcichcnkunst absprechen hcissen, inder sie so große Meister waren.
Das hat niemanden einkommen können. Sondern wennman den Alten die Pcrspektiv streitig macht, so geschieht es indem engern Verstände, in welchem die Künstler dieses Wortnehmen. Die Künstler aber verstehen darunter die Wissenschaft,mehrere Gegenstände mit einem Theile des Raums, in welchemsie sich befinden, so vorzustellen, wie diese Gegenstände, aufvcrschiednc Plane des Raums verstreuet, mit samt dem Raume,dem Auge aus einem und eben demselben Standorte erscheinenwürden.
Diese Erklärung ist mit jener im Grunde eins: nur daßjene, die mathematische, sich auf einen einzeln Gegenstand be-ziehet; diese aber auf mehrere geht, welche zusammen aus demnehmlichen Gesichtspunkte, jedoch in verschicdncr Entfernungvon diesem gemeinschaftlichen Gesichtspunkte, betrachtet werden.Nach jener können einzelne Theile in einem Gemählde vollkom-men perspektivisch seyn, ohne daß es, nach dieser, das ganzeGemählde ist, indem es ihm an der Einheit des Gesichtspunktsfehlet und die vcrschicdncn Theile desselben vcrschiednc Gesichts-punkte haben.
Hcrr Klotz scheinet von diesem Fehler gar nichts zu verste-hen. Er spricht nur immer von der vcrhälmißmäßigcn Ver-kleinerung der Figuren, und der Verminderung der Tinten: undbildet sich ein, daß damit in der Pcrspcktiv alles gethan sey.Aber er sollte wissen, daß ein Gemählde beide diese Stücke gutgenug haben, und dennoch sehr unpcrspektivisch seyn kann.
Die bloße Beobachtung der optischen Erfahrung, sage ichim Laokoon,(°) daß ein Ding in dcr Ferne kleiner erscheinet,als in der Nähe, macht ein Gemählde noch lange nicht per-spektivisch. Ich brauche also diese Beobachtung den alten Arti-sten gar nicht abzusprechen; die Natur lehrt sie; ja, es würdemir unbegreiflich seyn, wenn nicht gleich die allerersten daraufgefallen wären. Ob sie aber die mathematische Genauigkeit da-bey angebracht, die wir bey unsern auch sehr mittelmäßigen
(°) S. t08, IBand VI, S, 483.j