Antiquarischer Briefe neunter.
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Mahler» gewohnt sind, ob sie sich nicht mit einem ungcfchrcnAugenmaaße begnügt: das ist eine andere Frage, die dnrchblosse Schriftstellcn zum Besten der Alten nicht entschieden wer-den kann, besonders da so unzählige alte Kunstwerke einer sol-chen Entscheidung keincswegcs günstig sind.
Eben so natürlich ist eine etwanigc Verminderung der Tin-ten: denn eben die tägliche Erfahrung, welche uns lehret, daßein Ding in der Entfernung kleiner erscheinet, lehret uns auch,daß die Farben der entfernten Dinge immer mehr und mehrermatten und schwinden, in einander vcrfliessen und in einandersich verwandeln. Folglich können und müssen die alten Ge-mählde auch hiervon gezeigt haben; und die, welche ungleichmehr als andere davon zeigten, werden mehr als andere des-halb seyn gepriesen worden.
Dieses beantwortet die Frage des Herrn Klotz: „konnten„die alten Schriftsteller von einer Sache reden, die nicht da„war, und eine Eigenschaft an einem Gemählde rühmen, die„niemand sahe?" Sie lobten was sie sahen; daß sie aber et-was sahen, was auch wir sehr lobenswürdig finden würden,beweiset ihr Lob nicht.
Doch indeß zugegeben, daß die alten Gemählde in beidenStücken eben so vollkommen waren, als die besten Gemähldeneuerer Zeit: waren sie darum auch eben so perspektivisch?Konnten sie den Fehler darum nicht haben, von dem ich sage,daß Herr Klotz nichts verstehen muß?
Er sieht es nicht gcrn,(") daß man sich bey dieser Strei-tigkeit immer auf die Hcrkulanischcn Gemählde beruft. — Zuseinem Tone zu bleiben; ob er mir schon freylich so wohl nichtlassen wird: — ich seh es auch nicht gern. Aber unser beidernicht gern Sehen, hat ganz verschicdnc Ursachen. Herr Klotzsieht es nicht gern, weil unstreitig der blühende Zeitpunkt derKunst vorbey war, als die Hcrkulanischcn Gemählde verfertigetwurden: und ich sehe es nicht gern, weil, obschon dieser Zeit-punkt vorbey war, dennoch die Meister der Hcrkulanischcn Ge-mählde von dcr Pcrspektiv gar wohl mehr verstehen konnten,
(°) S. 90.