Anitquarischer Briefe zwey und vierzigster. 133
„Hauptfigur entfernet aussahen, da diese, wie gesagt, stärker„ausgedruckt war."
Die Anmerkung ist richtig und fein. Da die Theile einerconcavcn Fläche wirklich in verschiedener Entfernung von unsermAuge liegen, da sich wirklich nähere und tiefere Gründe darauffinden: so ist es gar wohl möglich und begreiflich, daß die Na-tur der zu kurz fallenden Kunst hier zu Statten kommen, unddie Wirklichkeit an die Stelle der verfehlten Nachahmung tretenkann. Das ist: es können und müssen Figuren, auch ohnenach den Regeln der Pcrspektiv behandelt zu seyn, mehr oderweniger entfernt scheinen, — wenn sie wirklich mehr oder we-niger entfernt sind. Da aber der Künstler zu seiner Täuschungnur den Schein, und nie die Wahrheit selbst brauchen soll;da die Vermischung des Scheines und der Wahrheit auch einemungclchrten Auge bald merklich wird, und es beleidiget; da das,was die eingemischte Wahrheit leistet, noch weit von dem ent-fernt seyn kann, was nach den Gesetzen des Scheines geleistetwerden sollte; da sogar das Wirkliche, welches in dem einenFalle der Nachahmung bchülflich ist, in andern Fällen ihr viel-leicht gerade zuwider laufen wird: so ist es wohl unstreitig, daßdieser angegebene Vortheil der schildförmigen Steine nur sehrzufällig, nur sehr mißlich, nur sehr gering seyn kann. HerrLippert gesteht es selbst; denn er setzt hinzu: „Die Höhlung„macht freylich einen Eindruck im Auge von einer ziemlichen„Weite des Raumes, wodurch beym ersten Anblick der Verstand„betrogen wird. Er wird aber auch bey genauer Betrachtung,„wegen der Möglichkeit und Wahrheit gar bald in Zweifel gc-„ setzt, den man, ohne Begriffe von Kunstrcgcln nicht sogleich„heben wird, und von der Schönheit des Werks gereitzt, ver-„gißt man leicht, was mancher, auch als ein Unwissender, nur„für ein Ncbcnwcrk hält, weil er nicht nach der Wahrheit und„nach der Kunst zugleich urtheilet."
Es ist nicht zu leugnen, daß sich Hr. Lippert hier nicht einwenig bestimmter hätte ausdrücken können. Aber so verlegenman auch in dem Stile eines Künstlers um die Wortfügungseyn mag: so leuchtet doch immer der Sinn hindurch; besondersfür den, der nur einigermaaßcn im Stande ist, mit dem Künst-