Wie dic Alten den Tod gebildet.
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Hier ist ein geschnittener Stein, und da eine marmorneUrne, und dort ein metallenes Bildchen: alle sind ungczweifcltantik, und alle stellen ein Skclct vor. Wohl! Wer weis dasnicht? Wer kann das nicht wissen, dem gesunde Finger undAugen nicht abgehen, sobald er es wissen will? Sollte man inden antiquarischen Werken nicht etwas mehr, als gebildcrt haben?
Diese antike Kunstwerke stellen Skclete vor: aber stellen denndiese Skelctc den Tod vor? Muß denn ein Skelet schlechterdingsden Tod, das pcrsonifirtc Abstraktum des Todes, die Gottheit desTodes, vorstellen? Warum sollte ein Skelet nicht auch blos einEkelet vorstellen können? Warum nicht auch etwas anders?
Untersuchung.
Der Scharfsinn des Herrn Klotz geht weit! — Mehr brauchteich ihm nicht zu antworten: aber doch will ich mehr thun, alsich brauchte. Da noch andere Gelehrte an den verkehrten Ein-bildungen des Hrn. Klotz, mehr oder weniger, Theil nehmen:so will ich für diese hier zwcyerlcy beweisen.
Bors erste: daß die alten Artisten den Tod, die Gottheitdes Todes, wirklich unter einem ganz andern Bilde vorstellten,als unter dem Bilde des Skclets.
Bors zweyte: daß die alten Artisten, wenn sie ein Skeletvorstellten, unter diesem Skelcte etwas ganz anders meinetcn,als den Tod, als dic Gottheit des Todes.
I. Die alten Artisten stellten den Tod nicht als ein Skeletvor: denn sie stellten ihn, nach der Homerischen Idee, alsden Zwillingsbrudcr des Schlafes vor, und stellten beide, denTod und den Schlaf, mit der Ähnlichkeit unter sich vor, diewir an Zwillingen so natürlich erwarten. Auf einer Kiste vonCcdcrnholz, in dem Tempel der Zuno zu Elis, ruhten sie beideals Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eineweiß, der andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen;beide mit über einander geschlagenen Füßen.
Hier nehme ich einen Satz zu Hülfe, von welchem sich nur
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