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Vermischte Schriften. Erster Theil.
wortung meiner Frage zu suchen. Es muß in den Theilen, inder Zahl, in der Anordnung dieser Theile, in dem unveränder-lichen Eindrucke, welchen solche und so geordnete Theile unfehl-bar ein jedesmal machen; — in diesen muß es liegen, warumein Sinngedicht noch immer eine Überschrift, oder Aufschriftheißen kann, ob sie schon eigentlich nur selten dafür zu brau-chen stehet. —
Die eigentliche Aufschrift ist ohne das, worauf sie steht,oder stehen könnte, nicht zu denken. Beides also zusammenmacht das Ganze, von welchem der Eindruck entstehet, den wir,der gewöhnlichen Art zu reden nach, der Aufschrift allein zu-schreiben. Erst irgend ein sinnlicher Gegenstand, welcher unsereNcugicrde reizet: und dann die Nachricht auf diesem Gegen-stände selbst, welche unsere Ncugicrde befriediget.
Wem nun abcr, der auch einen noch so kleinen, oder nochso großen Aorrath von Sinngedichten in seinen Gedanken über-laufen kann, fällt es nicht sogleich ein, daß ähnliche zweyTheile sich fast in jedem derselben, und gerade in denjenigenam deutlichsten unterscheiden lassen, die ihm einem vollkommenenSinngedichte am nächsten zu kommen scheinen werden? Diesezerlegen sich alle von selbst in zwey Stücke; in deren einemunsere Aufmerksamkeit auf irgend einen besondern Vorwurf regegemacht, unsere- Ncugicrde nach irgend einem einzeln Gegen-stände gcrcizet wird; und in deren andern: unsere Aufmerksam-keit ihr Ziel, unsere Ncugicrde einen Aufschluß findet.
Auf diesen einzigen Umstand will ich es denn auch wagen,die ganze Erklärung des Sinngedichts zu gründen; und dieFolge mag es zeigen, ob sich nach meiner Erklärung sowohldas Sinngedicht von allen möglichen andern kleinen Gedich-ten unterscheiden, als auch aus ihr jede der Eigenschaften her-leiten läßt, welche Geschmack und Kritik an ihm fodcrn.
Ich sage nehmlich: das Sinngedicht ist ein Gedicht, inwelchem, nach Art der eigentlichen Aufschrift, unsere Aufmerk-samkeit und Ncugicrde auf irgend einen einzeln Gegenstanderregt, und mchr oder weniger hingehalten werden, um sie miteins zu befriedigen.