Anmerkungen über das Epigramm.
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„tragen worden." Denn, wenn sich ein interessanter Gedankemich ohne seine individuelle Veranlassung vortragen läßt, wiesich aus dem Beyspiele, wenn es schon kein Epigramm ist,dennoch crgicl't: so wird wenigstens die Anzahl der Theile desEpigramms, welche Barrcur selbst für nothwendig erkläret, we-der in seiner Erklärung liegen, noch auf irgend eine Weise dar-aus herzuleiten seyn. —
Wenn uns »«vermuthet ein beträchtliches Denkmahl aufstößt,so vermenget sich mit der angenehmen Ucbcrraschung, in welchewir durch die Größe oder Schönheit des Denkmahls gerathen,sogleich eine Art von Verlegenheit über die noch unbewußte Be-stimmung desselben, welche so lange anhält, bis wir uns demDenkmahle genugsam genähert haben, und durch seine Aufschriftaus unscrcr Ungewißheit gesetzt worden; worauf das Vergnügender befriedigten Wißbegierde sich mit dem schmeichelhaften Ein-drucke des schönen sinnlichen Gegenstandes verbindet, und beidezusammen in ein drittes angenehmes Gefühl zusammenschmelzen.— Diese Reihe von Empfindungen, sage ich, ist das Sinnge-dichte bestimmt nachzuahmen,- und nur dieser Nachahmung wegenhat es, in der Sprache seiner Erfinder, den Namen seines Ur-bildes, des eigentlichen Epigramms behalten. Wie aber kannes sie anders nachahmen, als wenn es nicht allein eben diesel-ben Empfindungen, sondern auch eben dieselben Empfindungennach eben derselben Ordnung in seinen Theilen erwecket? Esmuß über irgend einen einzeln ungewöhnlichen Gegenstand, denes zu einer so viel als möglich sinnlichen Klarheit zu erhebensucht, in Erwartung setzen, und durch einen unvorhergesehenenAusschluß diese Erwartung mit eins befriedigen.
Am schicklichsten werden sich also auch die Theile des Epi-gramms, Erwartung und Aufschluß nennen lassen; und unterdiesen Benennungen will ich sie nun in verschiedenen Arten klei-ner Gedichte aufsuchen, die fast immer unter den Sinngedichtenmit durchlaufen, um zu sehen, mit welchem Rechte man diesesgeschehen läßt, und welche Klassifikation unter ihnen eigentlicheinzuführen seyn dürfte.
Natürlicher Weise aber kann es nur zwcycrley Aftcrgattun-gcn des Sinngedichts geben: die eine, welche Erwartung erregt,