432
Vermischte Schriften. Erster Theil.
ohne uns einen Aufschluß darüber zu gewähren; die andere,welche uns Aufschlüsse giebt, ohne unsere Erwartung darnacherweckt zu haben.
^> Ich sänge von der lctztcrn an, zu welcher vornehmlichalle diejenigen kleinen Gedichte gehören, welche nichts als all-gemeine moralische Lehren oder Bemerkungen enthalten. Einesolche Lehre oder Bemerkung, wenn sie aus einem einzelcnFalle, der unsere Neugicrde erregt hat, hergeleitet oder auf ihnangewendet wird, kann den zweyten Theil eines Sinngedichtssehr wohl abgeben: aber an und für sich selbst, sie sey auchnoch so witzig vorgetragen, sie sey in ihrem Schlüsse auch nochso spitzig zugearbeitet, ist sie kein Sinngedicht, sondern nichtsals eine Maxime, die, wenn sie auch schon Bewunderung er-regte, dennoch nicht diejenige Folge von Empfindungen erregenkann, welche dem Sinngedichte eigen ist.
Wenn Martial folgendes an den Dccianus richtet (°),
()noä maglli Iln'alece, eovtummali^ue Latoni8Dogmata lie 5ec^uei'is, lalvus ut olle velis;
poetoio uoe miclo Krietos iueuiiis in o»kes,<)no<1 toeille velim to, Deciims iaois.
Nolo virum, k-ioili reilimit c^ui lsnFuius samgm:Ilurie volc», laullai'i c^ui Uns inoilo potel^t.was fehlt den beiden letzten Zeilen, um nicht ein sehr interessan-ter Gedanke zu heißen? und wie hatte er kürzer und glücklicherausgedrückt werden können? Würde er aber allein eben denWerth haben, den er in der Verbindung mit den vorhergehen-den Zeilen hat? würde er, als eine bloße für sich bestehendeallgemeine Maxime, eben den Reiz, eben das Feuer haben, ebendes Eindruckes fähig seyn, dessen er hier ist, wo wir ihn aufeinen einzeln Fall angewendet finden, welcher ihm eben so vielUeberzeugung mittheilet, als er von ihm Glanz entlehnet?
Oder wenn unser Vvernike, zur Empfehlung einer mildenSparsamkeit, geschrieben hätte:
Lieb' immer Geld und Gut; nur so, daß dein Erbarmen
Der Arme fühl': und flieh die Armuth, nicht die Armen:
(°) /. e?. S.