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Vermischte Schriften. Erster Theil.
nicht verändern; sondern allenfalls nur lehren, wie die Griechensolchcrlcy Fabeln vorzutragen liebten. — Es kommen deren,außer den zwey angeführten, in der Anthologie noch verschiedenevor, von welchen in den gewöhnlichen äsopischen Sammlungennichts ähnliches zu finden, die aber auch um so viel mehr voneinem Ncvelet oder Hauptmann ihnen beygefügt zu werdenverdienet hätten. Alle sind mit der äußersten Präcision erzchlt,und die wcilläuftigstc, welche aus zwölf Zeilen bestehet l/), hatnichts von der Geschwätzigkeit, aus welcher neuere Fabeldichtersich ein so eigenes Verdienst gemacht haben. Unser Gelle« thatalso zwar ganz wohl, daß er jene, vom Lahmen und Blinden,unter seine Fabeln ausnahm : nur daß er sie so sehr wäs-serte, daß er so wenig belesen war und nicht wußte, wo sie sicheigentlich herschrcibc; daran hätte er ohne Zweifel ein wenigbesser thun können. —
Der wesentliche Unterschied, der sich zwischen dem Sinnge-dichte und der Fabel findet, beruhet aber darum, daß die Theile,welche in dem Sinngedichte eines auf das andere folgen, in derFabel in eins zusammenfallen, und daher nur in der AbstraktionTheile sind. Der einzelne Fall der Fabel kann keine Erwar-tung erregen, weil man ihn nicht ausgchöret haben kann, ohnedaß der Aufschluß zugleich mit da ist: sie macht einen einzigenEindruk, und ist keiner Folge verschiedncr Eindrucke fähig.Das Sinngedicht hingegen enthält sich eben darum entwederüberhaupt solcher einzeln Fälle, in welchen eine allgemeineWahrheit anschauend zu erkennen; oder läßt doch diese Wahr-heit bey Seite liegen, und ziehet unsere Aufmerksamkeit auf eineFolge, die weniger nothwendig daraus fließt. Und nur dadurchentstehet Erwartung, die dieses Namens wenig werth ist, wowir das, was wir zu erwarten haben, schon völlig voraussehen.
Wenn denn aber so nach, weder Begebenheiten ohne allenNachsatz und Aufschluß, noch auch solche, in welchen eine einzigeallgemeine Wahrheit nicht anders als erkannt werden kann, dieerforderlichen Eigenschaften des Sinngedichts haben: so folgetdarum noch nicht, daß alle Sinngedichte zu verwerfen, in wel-
l°) /.-'S. /. 22. e/1. 9.(°°) Die 16lc des ersten Theils.