Martial.
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(2.)
Nichts hat dem Ruhme des Martials in den ncurcrn Zeitenmehr geschadet, als der unzüchtige Inhalt, den seine Sinngedichtenicht selten haben. Nicht zwar, als ob man leugnen wollen,daß etwas ästhetisch schön seyn könne, wenn es nicht auch mo-ralisch gut ist. Aber es ist doch auch so gar unbillig nicht,daß man jenes Schöne verachtet, wo man dieses Gute nichtzugleich erkennet.
Diejenigen mcyntcn es daher noch immer sehr treu mit ihm,die lieber alle seine juckenden, kranken, ansteckenden Theile aus-schncidcn, als ihn gänzlich aus den Händen unschuldiger undmit einer zartem Stirne begabter Leser verbannet wissen woll-ten. Ramires de Prado mußte nicht klug im Kopfe seyn, daßer dem ehrlichen Raver wegen einer so guten Absicht so übelmitspielen konnte. Ein anderes wäre es gewesen, wenn dasAusgeschnittene zugleich vernichtet worden; oder wenn noch jetztleicht zn besorgen stünde, daß was in Einer Ausgabe unterdrücktwird, darüber wohl völlig vcrlohrcn gehen könnte.
Die eigene Entschuldigung des Martials über den Punkt derIlnzüchtigkeit,
I^aloiva ol't uol>!s i>»gllia? vlta piolia o5d —will nicht weit reichen. Und doch haben die, welche meynen,daß nichts darwidcr einzuwenden sey, sie noch nicht einmal soweit ausgedehnet, als sie ohngcfähr reichen würde. Sie habenuns nicht einmal erklärt, wie es möglich ist, daß ein reinesLeben bey so unreinen Gedichten bestehen könne; noch woraufes ankomme, wenn der Schluß von dem einen auf das anderewegfallen soll. — Nicht so wohl um ihrer Meynung überhauptbcyzutrctcn, als vielmehr bloß um einiges zum nähern Ver-ständnisse des Dichters beyzutragen, will ich hierüber ein PaarAnmerkungen niederschreiben.
4. Wenn man von je her, so wie denen, welche mit leib-lichen Schäden umgehen, also auch denen, welche sich der Besserrung des sittlichen Verderbens unterziehen, erlaubt hat, einefreye Sprache zu führen, und sich mit den eigentlichen Wortenüber alles auszudrücken, was der Wohlstand, außer dieser Ab-sicht, entweder gar nicht zu berühren, oder doch zu bemänteln