Martial.
477
dessen schwerlich bereden. Denn auch der nnbcsonncnste Schrift-steller nimmt sich vor dergleichen Selbstverdammungcn wohl inAcht. Vielmehr muß Martial von seinem freyesten Epigrammebis zu dem Gedichte des Sabellus noch weit hin zu seyn ge-glaubt haben; und ich meyne, er hätte diesen abführen können,wenn er sich der Retorsion gegen ihn bedienen wollen. „Wie?hätte Martial sagen können, „ich mit dir, Sabellus, in glei-„cher Schuld? Ich, der ich nichts sage, als was täglich um„und neben mir geschieht; der ich eS höchstens nur eben so„ohne Scham sage, als es geschieht; der ich es aber auch so„ohne Scham sagen muß, wenn es ein Brandmahl für den„werden soll, von dem ich es sage: was habe ich mit dir ge-„mein, der du zu den Lüsten, die ich durch das Lächerliche so„gut zu bestrcitcn suche, als sich etwas Strafbares durch das„Lächerliche bestrcitcn läßt, der du zu diesen Lüsten mit aller„möglichen verführerischen Beredsamkeit anrcirzest? Dieses An-leihen, diese Erwcckung der Begierden ist es, was ich eigent-lich an dir verdamme, und mich auf keine Weise trift: nicht„die nackten schamlosen Wortc, die ich freylich eben so gut„brauche, als du; aber zu einer andern Absicht, als du. So„gar räume ich es ein, daß du im Gebrauche dieser Worte„weit mäßiger, weit bescheidener bist, als ich. Aber, guter„Freund, im Grunde ist das desto schlimmer. Es zeigt, daß„du dein Handwerk recht wohl verstehest, welches eines von„denen ist, die einen Menschen um so viel schlechter machen,„je vollkommner er darinnen wird. Du magst es bald weggc-„habt haben, daß sich die Begierden bey dem Verfemten, Ver-deckten, welches mehr errathen läßt, als ausdrückt, weit besser„befinden, als bey dem plumpen Geradezu. Darum allein„vermeidest du dieses, und verschwendest an jenes so viel Witz„und Blumen. Bey Leibe nicht, daß du jemanden Nöthe in„das Gesicht jagen solltest! Nöthe ist Schamhaftigkcit, und„Schamhaftigkeit ist nie ohne Unwillen oder Furchtsamkeit.„Wie taugten diese in deinen Kram? Lieber umgehest du diese„Vorposten der Zucht so weit, so leise, als nur möglich. Du„schonest der Schamhaftigkeit deiner Leser, um sie unmerklich„gänzlich darum zubringen. Ich beleidige sie dann und wann;