Martial.
601
A« ander» Stellen haben die Ausleger den Sinn des Dich-ters verfehlt, weil, ihn nicht zu verfehlen, wenigstens etwasvon einer Eigenschaft crfodcrt wird, die ihnen leider noch öftrerabgeht, als Scharfsinn: ich meyne, feines Gefühl.
Wer sollte z. E. glauben, daß folgendes kurze Epigramm,welches die Leichtigkeit und Deutlichkeit selbst zu seyn scheinet,noch bis auf den heutigen Tag nicht richtig genug erkläretworden. (°)
<)ui älicl8 vullus, ei, non logls ist!» ülienter,OnniIIius iiividoas, Ilvi^e, nomoAber wie ist das möglich? wird man fragen. Was ist da vielzu erklären? was kann noch mehr darum stecken, als dietrockenen Worte besagen, welche die ganze Welt versteht? Mar-tial wünscht, daß der, welcher dieses nicht gern liefet, und einhöhnisches Gesicht darüber ziehet, alles beneiden möge, ohne vonjemanden in der Welt beneidet zu werden. — Sehr recht!Aber wie steht es denn mit dem dieses? worauf geht denn dasINa? Was ist denn das, was der Dichter, bey einer so hohenVerwünschung, durchaus ohne Mißgunst und Hohn will gelesenwissen? Neun Zchnthcilc der Ausleger thun, als ob sich dasja wohl von selbst verstünde; und das Eine Zchnthcil, welchessich ausdrücklich darüber erklärt, versichert im Namen aller,daß unter dem itta Martial seine eigenen Epigrammen über-haupt verstehe. Denn was wohl sonst? — Wahrlich, schlimmfür den Martial, wenn sich sollst nichts darunter verstehen läßt!Denn sage mir doch, wer nur einiges Gefühl hat, was fürein Geck der Dichter seyn muß, der durchaus verlangt, daß manseine Verse mit Vergnügen lesen soll; der durchaus nicht leidenwill, daß man auch nur eine Mine darüber verzicht? Und was fürein bösartiger, unmenschlicher Geck er seyn muß, wenn er garallen, die keinen Geschmack an seinen Versen finden, das Schreck-lichste dafür anwünschcn kann, was sich nur denken läßt? Ge-wiß, so ein Geck, so ein bösartiger Geck war Martial nicht: ja,wenn er es auch im Grunde gewesen wäre, glaubt man wohl,
(°) Dill, I, Lp, 4l.