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Die Vorgeschichte des Weltkrieges / von Karl Helfferich
Entstehung
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Festigkeit auch gegenüber Wien

Verein mit den andern aus den Vorgängen am Balkan ent-standenen Fragen zu diskutieren und zu regeln. Das wardie gleiche Richtlinie, wie sie Asquith in seiner Guildhall-Redeverkündigt hatte. In Wien war man über die ausdrücklicheFestlegung dieses Standpunktes in dem offiziösen Organder deutschen Regierung nicht sehr erfreut. Das Echo inden Wiener offiziösen Blättern war, die k. u. k. Regierungbehalte völlige Freiheit in der Wahl des Zeitpunktes, derihr zur Regelung der albanischen und adriatischen Fragegut scheine. Kiderlen sagte mir am nächsten Abend: GrafBerchtold wisse nie, was er wolle. Die Wiener Regierungkönne sich nicht entschließen, die Besetzung Albaniens undder adriatischen Häfen durch Serbien zu verhindern; siekönne sich aber auch nicht dazu entschließen, klar zu sagen,daß die Regelung dieser Fragen für später vorbehaltenbleiben solle. Wir seien bereit, uns hinter Österreich-Ungarn zu stellen; aber gerade deshalb hätten wir ein Recht,zu hören, was die Wiener eigentlich wollten. Er fürchtesich nicht vor dem Krieg; aber gerade für diesen Fall seies ein enormer Vorteil, England draußen zu halten. DieseMöglichkeit sei nicht ausgeschlossen; er wisse darüber mehrals die Wiener und mehr, als er diesen sagen könne. Ein Ver-gnügen sei es nicht, an seiner Stelle zu stehen. Gott sei Dankhabe er die nötigen Nerven, um die Partie durchzuhalten.

Wenige Wochen später, am 30. Dezember 1912, erlagKiderlen einem Schlaganfall. Die deutsche Diplomatie ver-lor mit ihm ihre stärkste Kraft.

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