Die letzten Verständigungsversuche
deutschen und den französischen Interessenten in derTürkei allmählich ein modus vivendi heraus, der zwarnicht ausschloß, daß man sich in einzelnen Geschäftengelegentlich scharf befehdete, der aber auf der andernSeite in wichtigen Fällen zu einem gemeinschaftlichenVorgehen und einer Zusammenarbeit führte. Die ein-sichtigsten Vertreter Frankreichs, vor allem M. Constans,der seit 1899 lange Jahre hindurch als französischer Bot-schafter in Konstantinopel tätig war, rangen sich durch dasGestrüpp nationaler Vorurteile zu der von deutscher Seitestets vertretenen Uberzeugung hindurch, daß Frankreichsund Deutschlands Interessen in der Türkei in den wesent-lichsten Punkten — Erhaltung der türkischen Unabhängig-keit, finanzielle und wirtschaftliche Kräftigung der Türkei— übereinstimmten und eine loyale Zusammenarbeit not-wendig machten. Dagegen wurde im Laufe der neunzigerJahre Englands anfangs so warmes Interesse für die deutscheBetätigung in der Türkei — im Einklang mit dem gesamt-politischen Verhältnis — immer kühler. Nur einmal noch,unter der Einwirkung der Zuspitzung des britisch-franzö-sischen Verhältnisses im Jahre 1898 (Faschoda) und in dervon Rußland in seiner vorderasiatischen Politik ausgenutztenBedrängnis der ersten Periode des Burenkriegs, also zuder Zeit der Chamberlainschen Bestrebungen zur Schaffungeiner deutsch-englisch-amerikanischen Entente, schien sichein neues deutsch-englisches Zusammengehen auch in denvorderasiatischen Eisenbahnfragen ermöglichen zu lassen.
124