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Die Vorgeschichte des Weltkrieges / von Karl Helfferich
Entstehung
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Die letzten Verständigungsversuche

in Paris war, dort unter aufrichtigen Freunden der Er-haltung des Friedens eine sehr nervöse und besorgte Stim-mung. Die Presse und öffentliche Meinung waren in einerdurch konkrete Tatsachen allein nicht zu erklärenden Er-regung, die auf die leitenden Kreise teils übergriff, teilsvon ihnen gefördert wurde. Gerade damals entrüstete mansich in Paris, daß in einer Theatervorführung ich glaubeim Berliner Eispalast französische Fremdenlegionärein Uniform auf die Bühne gebracht worden waren. Ernst-hafte Leute fragten mich aus diesem Anlaß, ob dennDeutschland durchaus den Krieg wolle! Ich ließ mir dieletzte Ausgabe desTemps" geben und zeigte den Auf-geregten im Theateranzeiger drei oder vier Stücke, in denendeutsche Offiziere auf Pariser Bühnen Abend für Abendunter tosendem Beifall des Publikums in den kläglichstenRollen vorgeführt und beschimpft wurden. Der Eindruck,den ich damals von Paris mitnahm, daß wir trotz allerVerständigungsbemühungen Frankreich und Rußlandgegenüber weiter denn je von einer friedlichen Entspan-nung entfernt seien und daß die Beziehungen der Mittel-mächte zum Zweibund keinerlei nennenswerte Belastungvertragen könnten, wurde auch von andern Beobachterngeteilt. Wir kennen heute einen Bericht des belgischenGesandten in Paris, Baron Guillaume, aus jener Zeit erist vom 8. Mai 1914 datiert, in dem es heißt:

Unstreitig ist die französische Nation in diesen letztenMonaten chauvinistischer und selbstbewußter geworden.

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