Deutscher Einmarsch in Belgien
Am Abend des 4. August stellte der britische Botschafterin Berlin dem Reichskanzler jene bis Mitternacht befristeteAnfrage, ob Deutschland sich verpflichte, die belgische Neu-tralität zu respektieren. Damals hatten deutsche Truppendie belgische Grenze schon überschritten. Das britische Kabi-nett hatte seinen Kriegsvorwand und seine Kriegsparole.
Wie stark die militärische Notwendigkeit war, selbst auldie Gefahr hin, England einen wirksamen Kriegsvorwandund eine zugkräftige Kriegsparole zu liefern, die belgischeNeutralität außer acht zu lassen, vermag ich nicht zubeurteilen. Unsere moralische Berechtigung, durch Belgienzu marschieren, steht für mich nach allem, was voraus-gegangen war, außer Zweifel. Ebenso außer Zweifel stehtfür mich, daß auch die peinlichste Respektierung der bel-gischen Neutralität England nicht vermocht hätte, demKriege als unser Gegner fernzubleiben*.
• Dies wird gelegentlich von englischer Seite selbst offen zugegeben. Schon imDezember 1914 schrieb der „Spectator":
„Wenn Deutschland beschlossen hätte, zu versuchen, auf dem direkten Weg statt aufdem Weg über Belgien in Frankreich einzudringen, so hätten wir trotzdem unter einertiefen Verpflichtung gestanden, Frankreich und Rußland zu helfen . . . Alle unsere Ab-machungen mit Frankreich — unsere Sanktion der Linie seiner Politik, unsere militärischen„Konversationen" mit seinem Stab, unsere endgültige Assoziation mit seinen Handlungendraußen — hatten uns seine Sache anvertraut, so klar wie wenn wir eine bindende Allianzmit Frankreich abgeschlossen hätten. Und was wahr ist für unser Einvernehmen mitFrankreich, ist kaum weniger wahr für unser Einvernehmen mit Rußland."
Und ein Leitartikel der „Times" vom 19. März 1915 bekannte, daß England durchseine Ehre und seiq Interesse gezwungen worden wäre, an Frankreichs und Rußlands Seitezu treten, „auch tyenn Deutschland die Rechte seines kleinen Nachbars gewissenhaft geachtetund sich den Weg nach Frankreich hinein durch die französischen Ostfestungen gebahnthätte". — Der Artikel fährt fort: „Weshalb verbürgten wir uns für die NeutralitätBelgiens? Wegen eines gebieterischen Grundes des Selbst in teresses, aus dem wir von jeherverhinderten, daß eine Großmacht sich unserer Ostküste gegenüber festsetzte, wegen desGrundes, der uns bewog, die Niederlande gegen Spanien und gugen das Frankreich der
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