Journalist und Bolksredner.
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ihnen konkurrierenden Gewalten eine gewisse Zubuße an äußeremRespekt daraus erwüchse. Es ist ja richtig, daß die thatsächlicheMacht einer Körperschaft nicht in Widerspruch mit den Formenihres Auftretens stehen darf; uud iu diesem Punkt ist die Innen-seite der parlamentarischen Machtstellung bei uns von so zweifel-hafter Konsistenz, daß ein zu majestätisches Gebahren die Ironieherausfordern würde. Aber etwas mehr Sinn für eine der immer-hin bedeutenden Stellung nach außen entsprechende Form desAuftretens wäre sicher auch im deutscheu Reichstag wohl am Platze.Das meiste hängt von dem Präsidium ab. Ich habe nur zweiMänner gekannt, welche dieses zugleich in der Würde des Auftretensgebührend zu repräsentieren verstanden: in der Paulskirche Gagernund im Reichstag zu Berlin Simson. (Bei der Eröffnung inFrankfurt fungierte noch nicht Gagern, sondern ein Alterspräsident.)Alle anderen machten die Sache so, daß sie einen ordinärenCharakter trug, den ich mit keinem Worte passender zu bezeichnenwüßte, als was man familiärer Weise: „Kommiß" zu nennenpflegt. Der Schlimmsten einer war darin der sonst so vortreff-liche Forckenbeck. Sachlich war er vielleicht der beste Leiter derVersammlungen, und wenn es auf Wahrung ihrer Rechte ankam,der schärfste. Aber die Natur hatte ihn für seine ganze Personin allem, was mit dem Sinn für Äußerlichkeit zusammenhängt,so stiefmütterlich ausgestattet, wie wenige Sterbliche, ein Mangel,der um so stärker auffallen mußte, als Forckenbeck mit einerprächtigen, wie zum Repräsentieren geschaffenen Körperlichkeit aus-gestattet war. Die Nemesis sorgte dann auch dafür, daß derNachfolger, welcher vor versammeltem Reichstag seines Todes zugedenken hatte, diese Pflicht im weihelosesteu Aktuarston erfüllte.Mit noch einem oder zwei obskuren Kollegen, die in derselbenZwischenzeit gestorben waren, wurde einfach und trocken der Namedes Mannes heruntergeschnurrt, der eine Reihe von Jahren ander Spitze des Hauses gestanden hatte und eine Zeitlang mitseinem hohen Amte verwachsen zu sein schien. In keinem andernLande der Welt wäre so etwas denkbar. Aber in keinem andernLande wäre es auch sreilich denkbar, daß der Präsident der Volks-vertretung eines großen Reiches bei den solennsten öffentlichenFeierlichkeiten, wie beispielsweise bei der Einweihung des National-