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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Drittes Kapitel

Denkmals auf dem Niederwald, sozusagen im Angesicht aller Völkerder Kulturwelt, in der abgelegten Uniform eines Majors derLandwehr figurierte.

Dieser Zug ist charakteristisch für das ganze öffentliche'Lebenin Deutschland . Hier kommt zu dem Mangel an Formen-sinn noch die sichtbare Unterordnung der bürgerlichen Existenzunter die militärische zur Anschauung. Diese Unterordnung, diesich gleichfalls im Hofzeremoniell spiegelt nnd natürlich am HofeWilhelms I. sich der höchsten Legitimität erfreute, trägt das ihrezu der schwächlichen Stellung der Volksvertretung auch nach außenhin bei.

Wenn schou Fürst Bismarck , namentlich zur Konfliktszeit undspäter, als er mit widerspenstigen Mehrheiten im deutschen Reichs-tage zu thun hatte, es oft für zweckmäßig hielt, die Versamm-lungen despektierlich zu behandeln, so kann man ihm doch nichtvorwerfen, daß er grundsätzlich dahin neigte, sie äußerlich herabzu-drücken. Ein durchgehender Zug seiuer praktischen Weisheit bestanddarin, in allen Dingen soviel Sehnen als möglich an seinem Bogenzu haben. Er konnte auch in die Lage kommen, einmal einenimposanten Reichstag gegen irgend eine andere Potenz im Staatezu brauchen, und auch dafür durfte die Möglichkeit nicht ab-geschnitten werden. Und wie wußte er, wenn die Gelegenheit esverlangte, den höheren Ton anzuschlagen. Auch im Takt war derinnerlich so ungebundene, für die von ihm in die deutsche Spracheeingeführte Wurstigkeit berühmte Manu ein unübertroffener Meister,wenn es ihm darauf ankam. Wie konnte er z. B., wenn es galt,dem Ausland eins hinters Ohr zu schreiben, den Grundton derparlamentarischen Öffentlichkeit hinaufstimmen. Wie vollendetwar, bis ins kleinste hinein, sein oratorisches Auftreten, als erden Tod Kaiser Wilhelms verkündete. Nicht mit Unrecht hat mangesagt, daß ein guter Staatsmann auch etwas vou einem gutenSchauspieler haben müsse. Im Grunde gilt dies von allen, diemit der Öffentlichkeit zu thnn haben. Nur darf es keiu merk-bares Komödiantentnm fein. Dagegen das grundsätzliche Verachtender Form, wie man es in Deutschland bewußt und unbewußt beisehr tüchtigen Männern oft findet, bewegt sich auf einer falschenFährte.