Journalist und Volksredner.
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Welche Muhe hat es gekostet, bei dem neuen Gerichtswesenden Talar durchzusetzen. Manche meiner besten Freunde warengrimmige Gegner dessen, was sie als einen Mummenschanz ver-achtetem Der weltkluge Windthorst dagegen stimmte ganz mitmir zu gunsten der Sache überein.
Wir könnten noch manche Verbesserung nach dieser Richtunghin brauchen.
So verletzt es mich jedesmal, wenn ich einer Ziviltrauungbeiwohne, daß der Akt vielfach mit eiuer empörenden, geradezusalopp zu nennenden Formlosigkeit vollzogen wird. Nachdem dasGesetz einmal den Nachdrnck auf die Handlung vor dem Standes-amte verlegt hat, sollte dieselbe doch einigermaßen den Charakterdes Feierlichen an sich tragen. Selbst für die, welche die kirch-liche Trauung als die Hauptsache ansehen, hätte eine anstands-volle bürgerliche Trauuug nichts Unangenehmes. Aber die Sachewird meistens so gehandhabt, als sei es die Aufgabe, dem kirch-lichen Element gegenüber das rechtliche möglichst tief hinabzudrücken.
Das komischste, was mir im Punkt der Formverachtuug be-gegnet ist, erlebte ich, als ich zum erstenmal nach achtzehn Jahrenwieder einer politischen Versammlung in Deutschland beiwohnte,und es mutete mich unter diesen Umständen natürlich um so selt-samer an.
Es war im Frühsommer 1867, als nach Stuttgart eine Ver-sammlung süddeutscher Notabeln ausgeschrieben war, die sich wegender kommenden Dinge verständigen sollten. Das Zollparlamentstand damals am Horizont. Ich ergriff gern die Gelegenheit,um meinen Platz auf dem neu eröffneten Kampffelde auch inPerson zu markieren, nachdem ich mit der Feder bereits ein-gegriffen hatte. Gehobener Stimmung und erwartungsvoll betratich den Saal, in dem ich mich nach so langer Zeit wieder aufheimischem Boden, wieder wie ehedem mit bedeutenden Gesinnungs-genossen zu gemeinsamer Aktion zusammenfinden sollte. DieGlocke des Beginnens ertönt, und der provisorische — später auchdefinitiv gewordene — Präsident Hölder erhebt sich. Und wasvernehme ich? — Die Weisheit der Geschäftsleitung verlange vorallem, daß man sich über das Wirtshaus einige, in welchem man