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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
Seite
88
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88 Drittes Kapitel.

am Abend nach erfüllter staatsmännischer Pflicht sich bei Bier undWein des Lebens freuen könne. Ob jemand außer mir sich andieser Eröffnungsfeierlichkeit gestoßen hat, ist mir nicht bewußtgeworden. Herr Hölder hat später als zweiter Vizepräsident desReichstags seine Funktionen mit eben derselben Grazie versehen.Wie er es als erster Präsident der württembergischen Kammergehalten hat, weiß ich nicht. Doch wird es schwerlich anders ge-wesen sein.

Was den Verhandlungen in der Panlskirche ihren besonderenTon gab, war die aktive Mitbeteiligung der Zuhörer auf derGalerie. Natürlich trug das nicht zur Erhöhung der Würde undFeierlichkeit bei, aber es hinderte doch, daß die Sache gar zuledern verlief. Man kann wirklich hier den trivialen Ausdruckanwenden, das Mitspielen des Pnbliknms brachte doch etwasLeben in die Bude, uud da die Galerie selbstverständlich aufSeiten der fortgeschrittensten Parlamentarier war, so empfandenwir Anhänger derselben das noch besonders angenehm. Eswurde aus Leibeskräften applaudiert und gezischt. Dies Ver-hältnis zwischen Volk und Volksvertretung führte sogar einmalzu einer mehrtägigen stürmischen Debatte, einer der heftigsten,deren ich Zeuge gewesen.

Während der Tage, da die Frage der provisorischen Spitzedes Reichs verhandelt wurde, wegeu deren Gestaltung dieGegensätze zwischen Monarchisten und Republikanern am wildestengegeneinander prallten, hatte der als Hamburger Republikaner besonders monarchisch gesinnte Abgeordnete Heckscher, eine bissigeund sarkastische Advokaten-Natur, einen Antrag der äußerstenLinken als vor Allem wohlgefällig für die Galerie und zu derenFreude bestimmt bezeichnet. Nun brach von dieser Seite natürlicheine Entrüstung los, die zu beschwichtigen weder dem Präsidentennoch dem Urheber des Skandals gelingen wollte. Es dauertezwei Tage, bis die Sache beglichen war.

Außer mit Fröbel hatte ich seit dem Vorparlament noch keinepersönliche nähere Berührung mit den einzelnen Mitgliedern derLinken selbst. In Frankfurt wohnte ich mit zwei Landsleutenzusammen, welche dem Parlament angehörten. Der eine warZitz, der zweite war ein Präsident Mohr, welcher auch iu der