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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Journalist und Volksredner.

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Rheinprovinz gewählt war. Wir hatten uns eine sehr hübscheund elegante gemeinsame Wohnung auf dem Hirschgraben, dichtneben dem Goethehaus, ausgesucht.

Mohr war eine Figur, wie sie vor eiuem halben Jahr-hundert in unserer Provinz nicht ganz selten war. Daselbstgeboren, war er als juuger Mann in die Napoleonische Armeeeingereiht worden und hatte als Lieutenant deu ganzen spanischen Feldzng mitgemacht; davon war ihm, in seiner hohen Gestalt,eine stramm militärische Haltung geblieben. Ans einem kräftigen,aber eher knochigen als wohlgenährten Körper saß ein schöner,starker Kopf, nach antikem Mnster geschnitten, mit wallendemgranen Haupthaar und Bart, nnd das Ganze bekam noch einender Klassizität nicht widersprechenden Anstrich dadurch, daß Mohr,seitdem er pensioniert war, das Leben eines Landmannes führte,uud die militärische Haltung, besonders aber der römische Kopfmit einer biederen rustikalen Patina überzogen war. Nach demPariser Frieden war der Offizier, wie manche damals thaten,aus der Armee zur Justiz übergetreten und im Lauf der Zeitbis zum Präsidenten aufgestiegen. Seine liberale Gesinnunghatte ihm dann die Entlassung mit vollem Gehalt eingetragen,was damals noch gesetzlich möglich war. Uebrigens soll derfreiheitliebende Mann, wie man im Justizpalast erzählte, zurZeit, als er noch Unterfnchnngsrichter war, ein ziemlich tyrannischerInquisitor gewesen sein. Freilich nach dem Geist, der anfranzösischen Gerichten herrschte, kein ungewöhnlicher Fall. ZurZeit, als ich Mohr kennen lernte, lebte er als Patriarch, wenn auchals kinderloser, mit seiner vortrefflichen Frau auf seinem Gute inOber-Jngelheim zwischen Mainz und Bingen , besonders derPflege seiuer Rosen in seinem großen Garten gewidmet. Erhatte sich auch der deutsch -katholischen Bewegung angeschlossen,und in der ganzen Gegend ringsumher galt er als das un-bestrittene Oberhaupt für alle liberalen Bestrebnngen in Staatund Kirche. Er war ein schlichter, freundlicher Mann, dabeinicht ohne Würde. Der Typus solcher wohlhabender, gebildeter,von einem politischen Geist kerniger Unabhängigkeit beseelterMänner war dazumal in dem ländlichen Teil der mittelrheinischenProvinzen, in Rheinpfalz, Rheinhessen , Nassau keine seltene Er-