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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Drittes Kapitel.

Von der Peinlichkeit seines soll ich sagen unabhängigenSinnes ist mir ein drolliges Beispiel in Erinnerung geblieben.

In Bern wohnte ich mit einem Kameraden zusammen, undda wir beide ans sparsamen Haushalt angewiesen waren, soließen wir uns von der Vermieterin unseres einzigen gemeinsamenZimmers auch das Mittagessen bereiten. Eines Tages rühmtenwir Jacoby unsere wohlseile Kost nnd baten ihn, sich einmal beiuns zu Gast zu laden. Gesagt, gethan. Mein Jacoby erschien,beteiligte sich fröhlich an unserem frugalen Mahle, blieb noch einStündchen zum Plaudern da, und dann, im Begriff sich zu er-heben, zog er sein langes, dünngefülltes, grünes, gehäkeltes Geld-beutelchen heraus uud zählte die paar Rappen des ihm frühergenannten Kostpreises auf den Tisch. Alles Protestieren halfnichts. Er habe sich selbst und stillschweigend nur unter dieserBedingung eingeladen. Er nahm Hut nnd Stock, und uns bliebnichts übrig, als die Schadloshaltnng einzustreichen.

Es war das gerade in den Tagen, wo die Frage brennendwnrde, ob er sich den preußischen Gerichten wegen der gegen ihnerhobenen Anklage des Hochverrats stellen sollte. Da wir alleuns in ähnlicher Lage befanden, so schien nichts natürlicher, alsdaß er es machte, wie die anderen, und ruhig da blieb, ohne dieGefahr einer harten Verurteilung zu laufen, und das ward ihmvon allen Seiten zu Gemüte geführt. Aber er verlor kaumWorte darüber, sondern bedeutete uns einfach, er werde hingehenuud sich stellen. So that er auch, und man weiß, wie glänzendihm sein Entschluß belohnt wnrde, als die Königsberger Ge-schworenen ihn, nachdem er noch eine Zeitlang in Untersuchungs-haft gehalten worden war, nnter dem Jubel seiner Mitbürgerfreisprachen.

Später fand ich ihn zum erstenmal wieder bei der Ein-weihung des Heinrich-Simon-Denkmals am Wallensee in derSchweiz . Er war noch ganz der alte. Und endlich fanden wiruns in Berlin zur Zeit des Norddeutschen Reichstags wieder.Damals standen wir freilich in getrennten Lagern. Er war derstreng prinzipielle Gegner der Bismarckschen Politik geblieben.Unsere persönliche Begegnung litt nicht viel darunter. Aber