Journalist und Volksredner.
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politische Verfolgungen noch ein übriges thaten, um den Rnhmdes Mannes zu erhöhen. Es war die Zeit, wo die höherenPreußischen Tribnnale oftmals die von den niederen Instanzengefällten Verurteilungen wieder aufhoben. Die Erscheinung uuddas Auftreten des Mannes hatte etwas zur Verehrung Ein-ladendes. Das nichts weniger als schöne Gesicht hatte scharfe,bedeutnngsvoll geschnittene Züge. Man sah ihm die jüdischeAbstammung an, aber im Ausdruck über das Rassengepräge durchObjektivität hinausgehoben. Das ganze Wesen atmete eineeigentümliche Mischung von Charakterfestigkeit und Milde. Seinebesondere Vorliebe für die fpinozistifche Philosophie hatte etwasvon dem Widerschein der Vorstellung, die man sich von demportugiesisch hebräischen Weltweisen macht. Es gab Leute, diewissen wollten, er sei eitler, als man denken sollte, und seineBeziehungen zu dem ihm anbetend zugethanen schönen Geschlechtseien nicht so unweltlicher Natur. Ich habe im Leben immergefunden, daß mit keiner Verdächtigung leichtsinniger umgesprungenwird, als mit der der Eitelkeit. Einer in ihren unendlichenSpielarten so schwer definierbaren und so weit verbreiteten Eigen-schaft ist schwer beizukommen, und wenn sie einem auch gegenallen Anschein zugeschrieben werden soll, so bleibt immer dieZuflucht, daß sie, weil so tief sitzend, auch ganz im Innern des Be-schuldigten verborgen sei. Von Jaeoby kann ich ans eigenerBeobachtung nur sagen, daß ich in ihm immer den Mannseines Wortes fand. Wie er redete, so handelte er im größtenwie im kleinsten. Es war nirgends der geringste Abstand, ausdem mau einen Widerspruch hätte ableiten können. Sein Be-nehmen war, bei aller Unbeugsamkeit, unter Umständen Schroff-heit der Grundsätze, ein überaus bescheidenes und verbindliches.Ich hatte etwas später, im Herbst des folgenden Jahres, da wiruns als Flüchtlinge in Bern begegneten, noch die Freude eiuesfortgesetzten Umgangs. Er wollte mich damals, weil ich mitmeiner Juristerei im Ausland nichts anzufangen wußte, be-stimmen, mich ans sein Fach, die Medizin, zu werfen. ÄnßereBedenken hielten mich davon ab, seinem Rat zu folgen, obwohlich starke Lust dazu hatte und später manchmal bereute, es nichtgethan zu haben.