Journalist und Volksredner.
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Zeit bis auf den heutigen Tag der Zorn über einen unglücklichenFeldzug aus das Urteil über die persönlichen Eigenschaften derIndividuen übertragen wurde, und wie anders die Sache sichin meinem Privatverhältnis zu gebildeten Menschen gestaltete,so tritt mir daraus mit am deutlichsten hervor, wie viel größerder Prozentsatz an Dummheitselementen in der öffentlichenAtmosphäre eines Landes ist, als in der privaten.
Nur die Klugheit und Ehrlichkeit, welche die Meuscheu iu ihrenPrivatangelegenheiten anwenden, erhält die Welt und treibt sievorwärts; dank ihnen ist auch die öffentliche Dummheit nicht imstände, die Welt zu Grunde zu richten oder rückwärts zu treiben.Auf dieser aus der Erfahrung gewonnenen Ueberzeugung beruhtmein unerschütterliches individualistisches Bekenntniß, handle essich nun um Staatssozialismus oder um Sozialdemokratie. EinIndividuum, das sich aus eigner Kraft um eine Sprosse derwirtschaftlichen Leiter hinanfarbeitet, ist für die Gesamtent-wicklung wertvoller, als hundert, die von vormundschastlichenWohlfahrtsanstalten — angeblich — hinaufgezogen werden.
Im politischen Leben der Heimat hat es immer großenReiz für mich gehabt, mit anders Gesinnten auf gntem Fuß zustehen, und es gab eine Zeit in Deutschland , wo man auf diesenGenuß nicht ganz zu verzichten brauchte, wenn schon nach derganzen Beschaffenheit unserer staatlichen und gesellschaftlichenZustände, andere große Länder darin auf eiuem viel höherenStandpunkt stehen.
Bei alledem, muß ich aber doch auch das Geständnismachen, daß volle, warme, lebendige Freundschaft andrerseitsnicht haltbar ist ohne kräftige politische Uebereinstimmung, natür-lich zwischen politisch empfindenden Männern. Sie reicht nichtaus, um Freundschaft zu begründen, die in viel tiefer liegendemBoden wurzeln muß; aber sie hilft sehr wesentlich tragen undfördern, und ihre Abwesenheit setzt der vollen Intimität ein nieganz zu überwindendes Hindernis entgegen. Man kann eher inSachen religiöser oder philosophischer Ueberzeugung aus ver-schiedenem Standpunkt mit einem Freund stehen, als in Sachender Politik. Das Uebersinuliche läßt sich leichter iu den Hinter-
Bambergers Erinnerungen. 7