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„Meine Freunde, wir werden erklären, daß diese Nation fähigist, in jeder Frcige Gesetze für ihr Volk zu machen, ohne auf die Zu-stimmung irgend einer andern Macht der Welt warten zu müssen unddamit werden wir in jedem Staate siegen. Es ist dieselbe Frage, vorder wir uns in 1776 befanden. Unsere Vorfahren, die nur drei Mil-lionen waren, erklärten sich von allen Nationen unabhängig. Sollenwir, die wir 70 Millionen zählen, weniger Mut haben? Wenn esheißt, daß wir Doppelwährung nicht haben können, falls uns nicht eineandere Macht unterstütze, so antworten wir, daß wir die Doppelwäh-rung wieder herstellen werden; mag England sie annehmen, weil dieVereinigten Staaten den Weg gezeigt haben."
„Wir werden denen, die die Goldwahrung haben wollen, ant-worten: Ihr sollt diese Dornenkrone nicht auf die Stirne der Arbeitdrücken. Ihr sollt die Menschheit nicht auf ein Kreuz von Gold schlagen!"
Es war diese Rede und vor allen Dingen diese letzte Phrase,welche Bryan die Ernennung zum Präsidentschaftskandidaten der demo-kratischen Partei einbrachte. Er wurde, wenn freilich auch erst imfünften Wahlgange und nachdem die ursprünglich in Aussicht genom-menen Kandidaten der Partei, Bland und Boics zurückgetreten waren,mit 500 Stimmen von 930 gewählt, aber 162 Delegierte, die Mehr-heit der Vertreter der Staaten New-Dork, Massachusetts, Maine , New-Hampshire, Vermont, Wisconsin und New-Herseh enthielten sich derAbstimmung und trennten sich, wenn auch nicht in theatralischer Weisevon ihren Parteigenossen, indem die meisten von ihnen am Abend derAbstimmung Chicago verließen und der Wahl des Vizepräsidenten nichtbeiwohnten. Die letztere brachte ebenfalls eine Ueberraschnng, indeman Stelle der ursprünglich stark unterstützten Kandidaturen Arthur Sewallaus Maine , ein reicher Bankier, Kapitalist uud Eisenbahndirektor, alsoein Mann mit Eigenschaften, die ihn eigentlich hätten ausschließen sollen,als Kandidat der demokratischen Partei für den Vizepräsidentenpostenebenfalls beim fünften Wahlgange gewählt wurde. Man brauchte ebeneinen reichen Mann, der imstande war, recht erheblich zu den Kostendes Wahlfeldzuges beizutragen; außerdem hoffte man, daß es Sewallmöglich sein würde, seinen Heimatsstaat Maine für die demokratischePartei zu gewinnen, (eine Hoffnung, die mittlerweile in die Brüche ge-gangen ist, denn Maine hat bei den letzten im September d. I. ab-gehaltenen Staatswahlen eine republikanische Mehrheit von 60 000 ge-habt). Der hauptsächlichste Gegner Sewalls war der Redakteur des„Cincinnati Enquirer", ebenfalls ein vielfacher Millionär, der durchsein Blatt der Silbcrsache große Dienste geleistet hatte und der sicherauf die Ernennung zum Vizepräsideuten rechnete, besonders seitdemer als Führer der Delegation von Ohio sehr wesentlich, eigentlich ent-scheidend, zum Erfolge Bryans beigetragen hatte. Wenn er trotzdemnicht gewählt wurde, so geschah dies, weil man befürchtete, daß er wegeneiniger in der Einkommensteuerfrage im Enquirer erschienenen Artikelden Populisten nicht genehm sei und man glaubte, diese Gefahr mit Sewall