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Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der klassischen Litteraturperiode bis zum Beginn der Fremdherrschaft / Johann Goldfriedrich
Entstehung
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4 1. Kapitel- Beginn des Nnchdrnckszeitaltcrs u. die Rcichschcn Reforinbestrcbungen.

Im Jahre 1684 erschien in Österreich eine höchst bezeichnendeund einflußreiche Schrift, deren Titel das kurz und schlagend gefaßteProgramm der ganzen Bewegung war, in deren buchhandelsgcschichtlichenAnfängen wir uns hier befinden:Österreich über Alles, wenn es nur will!"Philipp Wilhelm von Hörnigk forderte darin ein vollständiges Verbotaller derjenigen Waren, welche im Jnlande erzeugt werden könnten, selbstwenn die inländischen Produkte schlechter als die ausländischen sein sollten.Er gab Ratschläge, wie man dem Frauenzimmer gegenüber zu ver-fahren habe, das seine Modewaren aus Paris bezog. In denselben Ge-sichtskreis der Manufaktur im eigentlichsten Wortsinne aber wurde dieLitteratur gezogen. Die Verleger der großen Schriftsteller des neuenLitteraturzcitalters saßen inSachsen", in Leipzig, Berlin, Halle, Ham-burg, Göttingen . Die österreichischen Wirtschaftspolitiker und ihreAnsichten sind darin nur dieselben wie einmal die der Territorien desReiches" im engern Sinne und mehr oder weniger aller nichtkur-sächsischen Gebiete überhaupt und sodann ebenso die des Reichsbuchhandelsim engern Sinne und mehr oder weniger des gesamten nichtlursächsischenBuchhandels sahen auch auf dem Gebiete des Buchhandels die In-teressen wirtschaftlicher Decentralisation bedroht durch das Übergewichteiner einseitigen, ausbeutenden Handclshcrrschaft, und sie verlangtendeshalb das Dazwischentreten des Staates, d. h. Zollschutz und Protektionder Industrie. Wie vereinigten sich gerade in Österreich alle die ver-schiedenen allgemeinen Voraussetzungen, die zur Entwicklung eines eigent-lichen Nachdruckszeitalters führen mußten! Es war örtlich entlegen,,buchhündlerisch isoliert, litterarisch verödet. Es verlangte nach Teilnahmean dem neuen geistigen Zeitalter, und es sollte zugleich zu dieser Teil-nahme emporgeführt werden: und der Buchhändler, der sein Buch ausLeipzig bezog, ließ viel leichter mit sich reden, als Madame, die ihrenModehut aus Paris kommen ließ; und ein Gellertsches Fabelbuch warja so viel leichter nachzumachen als ein Pariser Hut. Gewinnsucht undWirtschaftspolitik positiv, die EntWickelung der neuen Bezugsbedingungennegativ wiesen die Wege. Das Privilegwcsen ließ seine letzte Maskefallen: Österreich selbst erkannte die kaiserlichen Privilegien nicht an.Man hat daraus seiner Regierung keinen besondern Vorwurf zu machen.Warum sollte Osterreich zur Strafe dafür, daß sein Herrscher die Rolledes römischen Kaisers spielte, als Territorium schlechter gestellt sein als