Wirkung auf Buchhandel und Littcratur,
433
besonderen Staaten, dennoch, die höchste Freiheit der Erforschung undder Mitteilung statt, die jemals ein Volk besessen." Trotzdem zu Endedes Jahrhunderts eine Erbitterung in der Schriftstellcrwelt gegen dieEensur von ganzem Herzen und von ganzer Seele; und der Kampsruf,der von ihr damals gegen sie erhoben wurde, ist entwickelungsgeschichtlichvon tiefer Bedeutung. Das mächtige Empordrängen der mannigfaltig-sten Entwickelungskräfte forderte die verschärfte Anwendung der Rcpressiv-mittel heraus, aber gerade dasselbe Emporschäumen machte diese Mittelauch zu veralteten, beleidigenden und beschämenden. Wie es sich in derBeteiligung der Schriftsteller an dem Kampfe gegen den Nachdruckdurchaus nicht bloß um materielle, sondern um ideelle Interessen handelte,um das Bewußtsein des Unrechts überhaupt uud des Rechts an diesemeinzelnen Werke in diese» seiner Gestalt, entsprechend auch hier. Welcherblutige Hohu, welche unsagbare Erbitterung gegen die Existenz einer Eensurüberhaupt in Jean Pauls „Freiheitsbüchlein", doppelt schneidend bei dergraziös-geistreichen Eleganz seines Stils! Ein Volk wird frei, wenn esfrei sein will, und es will frei sein, wenn es frei sein kann. Das giltjedenfalls auf den geistigen Gebieten, wo nicht von der Zufälligkeit äußererMachtverhältnisse die Rede ist. Das deutsche Volk war auf dem Gebieteder Preßfreiheit so weit noch nicht; aber an Punkten vollen Überganges,vor Fruchtknoten gleichsam der Entwickelung stehen wir auch hier.Deutschlands größter Denker, Kant, der sich in seinem praktischen Denkenso genau nach dem Grundsatze richtete: ob der Gedanke wirklich Regelder bestehenden Allgemeinheit werden könne, hat von einer Aufhebungder Eensur nichts wissen wollen. Und doch wie deutlich wurden ganzzum Schlüsse unseres Zeitalters die Umrisse erstens über Einzclgebietehinausragender Bestimmungen und zweitens der Prcßsreiheit. Wir sahen,daß z. B. die großen Reichsstädte mit dem Gedanken gemeinsamer Ecnsur-cinrichtungen umgingen. In Baden entwarf der Markgräfliche GeheimeRat von Drais eine literarische Ccnsurverordnung für Deutsche . Fichtean der Spitze einer Schar deutscher Schriftsteller rief seine „Zurückforde-ruug der Denkfreiheit von den Fürsten Europens" ins Land.^ FriedrichWilhelm III., „schon längst" überzeugt von der „Unzulänglichkeit der bis-herigen Ccnsurvorschriften zu dem eigentlichen Zweck, daß weder ein nütz-licher Gedanke durch die Willkür oder die Beschränktheit eines Censors inDruckschriften unterdrückt, noch schädliche Gedanken in Umlauf gebracht