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Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der klassischen Litteraturperiode bis zum Beginn der Fremdherrschaft / Johann Goldfriedrich
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Überproduktion, Überfüllung.

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Allein es waren nicht die Folgen von Krieg und Ecnsur, was denBuchhandel um die Wende des Jahrhunderts im innersten bewegte; eswaren auch nicht die Nachdrucksverhältnissc, die sich in ihrer Verquickuugmit den Verfassungszustnnden Deutschlands als unausrottbar gezeigthatten. Eine ganz andere, sehr natürliche Erscheinung lag zu Gründe:das nationale Wachstum, mit dem, wie wir wissen, Wandlungen in derOrganisation des Handels aufs engste verbunden waren.

Was man vor Augen sah, war eine zunehmende Beschlcnnignngdes Wachstums der Produktion uud eiue noch auffallendere Zunahmeder Buchhandlungen. Die Meßkataloge erreichen die Ziffer 1000 imJahre 1695, die Ziffer 2000 im Jahre 1771, die Ziffer 4000 imJahre 1800. Die Zahl der Buchhandlungen aber hatte sich nach einerAngabc' Gädickcs vom Jahre 1803^ seit zehn Jahren um ein Viertelvermehrt, für Preußen wurde 1802 berechnet, daß sie sich seit den 1760erJahren verdreifacht habe, die Zahl der direkt verkehrenden Handlungenhatte sich nach den Ncformgutachtcu von 1802 seit Reichs Tode ver-doppelt. Wir erinnern uns des starken buchhalterischen Zudrcmges inden Hauptplätzcn. Auf der andern Seite wuchsen Sortimentshandlungenin kleinen Landstädten empor, sogar in solchen, die weder Gymnasiumnoch starkes Regieruugspcrsoual besaßen. Fürth, Ronneburg, Pcnig,Pirna, Borna, Eamburg, Eahla, Elberfeld, Hadamar , Cüstriu, Ruppiu,Schncpfenthal z. B. waren solche Orte, von denen man mit einer ArtEntsetzen sah, daß nun auch sie ihre eigenen Buchhandluugcn habensollten.

Die Schlagwortc sür solches Wachstum waren rasch zu Platze: Über-produktion, Überfütlnng. Der Buchhandel istsehr übersetzt", so daßviel zu viel Waare nach dem Verhältnis; der Abnehmer geliefert wird",klang es vom Kathedersjeder dnmme Junge etabliert sich"^, so drücktesich weniger gewählt der Buchhändler aus. Man war sich im all-gemeinen sowohl auf gelehrter als auf buchhüudlcrischcr Seite darüberklar, daß dieÜberproduktion" genauer in einer Mißproduktion bestand.Wenn die Gelehrten dabei nicht mit Unrecht dem Buchhandel die ge-wissenlose Unterstützung leichtfertiger Biichcrfnbrikation vorwarfen, soschoben die Buchhändler ihrerseits die Schuld vielfach in Bausch undBogen der schriftstcllcrndcn Welt zu; aber weder verschloß man die Augcuauf literarischer Seite gegenüber der Schuld der Littcratcn, noch auf