Die Reformgutachten.
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die damit verbundene unverhältnismäßige Zunahme der Bücher, nament-lich wertloser Bücher, und das Zurückbleiben des Absatzes hinter diesemdoppelten Wachstum. Es ist bemerkenswert, daß dabei die Zunahme derFirmen als erste und Hauptursachc, die der Bücher und besonders derschlechten Bücher als Folgeerscheinung angesehen wurde. Bei der Ver-mehrung der Buchhandlungen wurde im einzelnen das Lehrlingsunwcsen,die Nolle, die die Buchdrucker als Verleger spielten, die Verbreitung derUnivcrsalfirmen, das starke Andrängen der Partikuliers und „sogenanntenGelehrten" zum Buchhandel u. s. w. betont. Aufs engste verbunden mitden Klagen über die Überfüllung und Überproduktion erscheint drittensdie laute Klage über die Übertcuerung, den dritten unmittelbaren Aus-druck der allgemeinen Steigerung der Betriebsamkeit.
Die überwiegende Masse der Gutachten urteilte mit Göschen neu-zeitlich und verurteilte den Tauschhandel als Krebsschaden des gutenBuchhandels und der guten Litteratnr. In schroffem Gegensatz hierzusteht die Partei, die namentlich durch Kummer (Leipzig), Franke (Berlin ),Kayser (Erfurt) und Hermann (Frankfurt a. M.) vertreten ist. Für siewar die starke Zunahme der reinen Verlagshaudlungcn, um KummersWorte zu gebrauchen, der „erste Grundstein zum Ruin des Buchhandels".Kummer drückte sich dabei im übrigen aus naheliegenden Gründen nochgemäßigt aus. Schärfer sprachen die drei andern, namentlich Hermannund Kayser, die Vertreter der Palmschen Ansichten in den von der Depu-tation verarbeiteten Gutachten — denn wir werden sehen, daß die De-putierten es'verstanden, das unliebsame Palmsche Schriftstück unter denTisch fallen zu lassen —, nur abzüglich der alten Nürnberger Ideen derAufhebung der Frachtfreihcit und der Herrschaft der Leipziger Messe . Manbetonte, daß die Deliberationspunkte das Interesse der Verlagshändlerverfolgten; daß diese, von einer „unzcitigen Furcht" getrieben, ihre„despotischen Operationen" zu „lästigen Gesetzen für die Sortiments-händlcr" zu erheben am Werke seien, daß in der Deputation die reinenVerleger im Übergewicht seien und Goschen den Buchhandel von einen?durchaus einseitig verlegerischen Standpunkt aus beurteile; und man legteausdrücklich und nachdrücklich gegen seine Schrift Protest ein. Mansetzte auseinander, daß der Sortimcntshandel der „Haupttheil" des Buch-handels (Kayser), die „Triebkraft und Hauptstütze" des Verlagshändlers,der reine Verlagshandel überhaupt kein wahrer Buchhandel sei. Man
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