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weiter als clie Ernährung. Für andre Zwecke bleibt in derRegel wenig oder nichts übrig.
Damit entbehrt die deutsche Industrie der Abnehmervon Massenartikeln. Gelernte Arbeiter geben selbst in dengünstigsten Fällen und wenn die Kinder oder die Frau mit-arbeiten, kaum je über 300 M. jährlich für Kleider und andreIndustrieprodukte aus, während in den oben mitgeteilten eng-lischen Budgets diese Ausgaben sich bis auf 1000 M. unddarüber belaufen. Eine Leipziger Buchdruckerfamilie — alsoder höchststehenden Klasse der Arbeiter angehörig — mit nurzwei Kindern hat für Bekleidung und Schuhwerk jährlich nur174,40 M. übrig. „Um Schuhwerk zu sparen, laufen dieKinder in der wärmeren Jahreszeit barfufs." Der Hausrat derdeutschen Arbeiterfamilien wird fast nie neu gekauft, sondern,wie in zahlreichen Fällen auch die Kleidung, vom Trödler,oder durch Wohlthätigkeit erworben Hierfür bieten zahl-reiche Belege die Frankfurter Arbeiterbudgets 1 , welche keines-wegs besonders tiefstehende Arbeiterklassen betreffen — ein nichtzu unterschätzender Nachteil für die deutsche Industrie, be-sonders die deutsche Textilindustrie, welche, wie zahlreiche
1 Schriften des Freien deutschen Hochstifts. Frankfurt a./M. 1890.Eine Arbeiterfamilie mit vier Kindern und 1145,19 M. Einkommengab für Kleidung, Wäsche, Haushaltungsgegenstände und derenReparatur nur 100,78 M. aus. Vom Familienvorstand heifst es: „Erkauft wohl einmal eine Arbeitshose oder ein derart unentbehrlichesKleidungsstück, hat aber seit 15 Jahren keinen neuen vollständigenAnzug mehr sich angeschafft." Die Möbel sind meist schon bei Be-gründung des Haushaltes gebraucht gewesen. Selbst das Sofa fehltin den meisten Fällen. Einen besondern zum Wohnzimmer benutztenRaum giebt es nirgends, vielmehr wird in demselben Räume geschlafenund gewohnt. Häufig dient ein Zimmer der gesamten Familie zumWohn- und Schlafraum, in vielen Fällen wird derselbe mit Aftermieterngeteilt. Vergl. a. a. O. S. 37, 44, 70, 85, 94, ferner Herkner a. a. O.S. 49-64.